Energiewende & Atomkraft

Fakten zu Erneuerbaren, AKW-Neubau & Versorgungssicherheit

Fakten

Der Atomausstieg – Wer hat entschieden?

Chronologie des Atomausstiegs

JahrEreignisVerantwortlich
2010Laufzeitverlängerung beschlossen („Ausstieg vom Ausstieg“)CDU/CSU + FDP (Kabinett Merkel II)
2011Endgültiger Ausstiegsbeschluss nach FukushimaCDU/CSU + FDP (Kabinett Merkel II)
2023Letzte 3 AKW vom Netz (Streckbetrieb bis 15.04.2023)Ampel-Koalition (SPD/Grüne/FDP)

Energiebedarf: Was hätten AKW geändert?

Primärenergieverbrauch nach Energieträger

EnergieträgerAnteil
Mineralöl35,7%
Erdgas26,9%
Erneuerbare Energien20,6%
Braunkohle~7%
Steinkohle~7%
Sonstige~2,8%

AKW-Anteil am Primärenergieverbrauch

SzenarioErzeugungAnteil am PEV
Letzte 3 AKW (2022/23)~33 TWh/a1,1%
Alle 6 AKW (Stand 2021)~69 TWh/a2,4%
Historischer AKW-Park (theoretisch)~150 TWh/anur wenige Prozent

Die Gaskrise 2022 – Warum AKW nicht geholfen hätten

Uranabhängigkeit: Souveränität?

Strommix 2025: Wo stehen wir heute?

Entwicklung des Erneuerbaren-Anteils am Strommix

KennzahlWert
Erneuerbaren-Anteil am Stromverbrauch55,3 %
Kohleverstromunghistorischer Tiefstand
CO₂-Emissionen Strom ggü. 1990ca. -53 % (spez. Faktor)
Spezifischer CO₂-Emissionsfaktor 2024363 g CO₂/kWh

Stromgestehungskosten (LCOE) – Der Preisvergleich

Quelle: Lazard LCOE+ v18.0 (Juni 2025), unsubventioniert, US-Marktdaten in USD/MWh.

LCOE nach Technologie (USD/MWh, unsubventioniert)

LCOE nach Technologie (USD/MWh, unsubventioniert)

TechnologieLCOE (USD/MWh)Anmerkung
Solar (Utility-Scale)38 - 78günstigste Neubauten im Lazard-Vergleich
Wind Onshore37 - 86klar unter Neubau-Kernkraft
Gas Combined Cycle48 - 109stark gaspreisabhängig
Wind Offshore74 - 139teurer als Onshore, aber unter Kernkraft möglich
Kohle69 - 168ohne externe Folgekosten
Kernkraft Neubau141 - 220teuerster großer Neubautyp im Vergleich

Ergänzende LCOE-Werte

KategorieLCOEQuelle
Bestands-AKW (abbezahlt, Langzeitbetrieb)< 40 USD/MWhOECD/IEA-NEA 2020
OECD-Modell „Nth-of-a-kind“ (3% Diskont)55 - 95 USD/MWhOECD/IEA-NEA 2020
Hinkley Point C (Strike Price Jan 2026)~127 GBP/MWh ≈ 15 Ct/kWhinflationsindexiert, steigt weiter

AKW-Neubau im Westen: Kein Projekt im Budget

Westliche AKW-Neubauprojekte

ProjektLandBauzeitStartbudgetHeute
Hinkley Point CGB2017 - 2030+18 Mrd. GBP35 Mrd. GBP (~48 Mrd. GBP nominal)
Flamanville 3FR2007 - 20243,3 Mrd. EUR23,7 Mrd. EUR (Rechnungshof)
Olkiluoto 3FI2005 - 20233 Mrd. EUR~11 Mrd. EUR
Vogtle 3&4USA2013 - 2023/2414 Mrd. USD~35 Mrd. USD

Barakah in den Vereinigten Arabischen Emiraten wird oft als Gegenbeispiel genannt. Das Projekt entstand aber unter sehr anderen Bedingungen: standardisierte südkoreanische Reaktortechnik, andere Genehmigungslogik und andere Kostenstrukturen. Es ist deshalb keine belastbare Blaupause für Deutschland oder andere westliche Demokratien.

Frankreich 2022: Warnung vor dem „Versorgungssicher“-Mythos

Ursachen: Spannungsrisskorrosion an Kühlrohrleitungen (Sicherheitsinspektionen) und Kühlwassermangel durch Hitzewellen. Frankreich — das zu 70 % auf Atomstrom setzt — wurde zum Nettostromimporteur, u. a. aus Deutschland.

Dunkelflauten: Reales Problem, kein Showstopper

KennzahlWertQuelle
Dunkelflautenlagenreales SystemthemaBNetzA
Versorgungsengpässe Anfang 2025kein annähernder EngpassBNetzA
Negativpreisstunden 2025573BNetzA / SMARD
Schlüsselaufgabemehr Speicher, Netze und flexible LastenSystemische Einordnung

Überbrückung heute: Gaskraftwerke, europäische Stromimporte, wachsend: Batteriespeicher. Kern des Problems: Nicht die Häufigkeit der Dunkelflauten, sondern fehlende Speicher und Netzkapazitäten.

Strombedarf 2045: Verdopplung durch Elektrifizierung

Bruttostromverbrauch – Entwicklung

ZeitpunktBruttostromverbrauchStromanteil am Energiemix
Heute (2025)~520 TWh17%
2030 (Ariadne)681 – 807 TWh~25–30%
2045 (Ariadne)1.037 – 1.423 TWh47 – 59%

Treiber des Mehrbedarfs: Direkte Elektrifizierung (Wärmepumpen + E-Autos ersetzen Gasheizungen und Verbrenner), grüner Wasserstoff (400–620 TWh Strom allein für Elektrolyseure in Stahl, Chemie, Luftfahrt) und ein Gegeneffekt: Gesamtenergiebedarf sinkt dank Effizienz um 32–38%.

Speicherausbau: Der Markt drängt, die Bürokratie bremst

KennzahlWertQuelle
Beantragte Leistung (2024, ab Mittelspannung)~400 GWBNetzA 11/2025
Beantragte Kapazität (2024)661 GWhBNetzA 11/2025
Erteilte Anschlusszusagen (2024)25 GW / 46 GWhBNetzA 11/2025
KernaussageInteresse sehr hoch, Umsetzung deutlich langsamerBNetzA

Engpass: Nicht Investoreninteresse oder Technologie, sondern Netzanschlüsse, Genehmigungsverfahren und regulatorische Unsicherheit.

Small Modular Reactors: Viel Hype, wenig Realität

Selbst wenn Deutschland heute ein SMR-Projekt startete, würde es den Ausbau von Netzen, Speichern und Erneuerbaren in diesem Jahrzehnt nicht ersetzen.

Atommüll: Das vergessene Milliardenproblem

EE-Ausbau: 21 GW in einem Jahr – Rekordtempo

Jährlicher EE-Zubau (GW)

Die Ziele für 2030 erfordern noch mehr: 19,6 GW/Jahr Solar und 9,4 GW/Jahr Wind onshore. Der Fokus muss auf EE-Beschleunigung liegen, nicht auf AKW-Debatten.

EU-Vergleich: Erneuerbare überholen Atom europaweit

Atomkraft bleibt in der EU wichtig, ist aber ein Minderheitenpfad. Der europäische Trend bei Neubau und Strommix geht klar stärker in Richtung Erneuerbare.

Europäischer Stromverbund: Deutschland ist keine Insel

Stromimport/-export ist kein Zeichen von Schwäche, sondern intelligentes System-Design. Es ist billiger als jedes Land für sich allein.

Argumente

Behauptung: Zeig mir das AKW, das du bauen willst.

Antwort: Große westliche AKW-Neubauten sind teuer, dauern lange und bleiben regelmäßig nicht im Startbudget. In Deutschland kämen zusätzlich fehlende Lieferketten, Fachkräfte und Genehmigungsroutinen hinzu. Wer heute neu beschließt, bekommt realistisch erst in den 2040er Jahren relevanten Strom.

Behauptung: AKW ersetzen keinen einzigen Schritt der Energiewende.

Antwort: Auch ein großer AKW-Neubau würde Netze, Speicher, flexible Lasten und Erneuerbare nicht ersetzen. Bei wachsendem Strombedarf bleibt der Ausbau dieser Infrastruktur in jedem realistischen Szenario unvermeidlich.

Behauptung: Die Krise war Gas, nicht Strom.

Antwort: Die Energiekrise 2022 war vor allem eine Gaskrise. Kernkraft erzeugt Strom, ersetzt aber kein Gas in Heizungen oder Industrieöfen. Zudem bleibt auch Atomkraft auf internationale Lieferketten angewiesen.

Behauptung: Das Problem heißt Bürokratie, nicht Technologie.

Antwort: Der Speichermarkt zeigt viel Interesse, aber Netzanschlüsse, Genehmigungen und Regulierung bremsen die Umsetzung. Das Problem ist deshalb heute oft weniger die Technik als die Geschwindigkeit von Verfahren und Netzausbau.

Behauptung: Aber SMRs lösen doch das Problem!

Antwort: SMR sind bislang eher ein Technologieversprechen als ein erprobter Massenmarkt. Im Westen gibt es noch keinen kommerziell etablierten SMR-Betrieb; selbst das fortgeschrittene Darlington-Projekt liefert keine kurzfristige Antwort für Deutschland. Parallel braucht es trotzdem Netze, Speicher und Erneuerbare.

Behauptung: Atomkraft ist doch abgeschaltet und erledigt!

Antwort: Abgeschaltet heißt nicht erledigt. Endlagersuche, Zwischenlagerung und Finanzierung bleiben über Jahrzehnte bis Generationen ein Thema. Neue AKW würden diese Aufgabe nicht kleiner machen.

Behauptung: Deutschland muss sich doch selbst versorgen können!

Antwort: Der europäische Stromverbund ist Teil der Versorgungssicherheit. Import und Export gleichen regionale Unterschiede aus und sind kein Versagenssignal. Vollständige Autarkie wäre teurer und systemisch unflexibler als ein gut vernetztes europäisches Stromsystem.

Behauptung: Windkraftanlagen werden mit Dieselmotoren betrieben!

Antwort: Nein. Windräder wandeln Windenergie über einen Generator in Strom um — dafür brauchen sie keinen Diesel. Was stimmt: In seltenen Ausnahmefällen kommen Dieselaggregate zum Einsatz — etwa 2023 in Schottland, als 71 Turbinen nach einem Netzfehler bei Frost mit Diesel warmgehalten wurden. Das war eine Notfallmaßnahme, kein Regelbetrieb. Das Pitch-System, das die Rotorblätter bei Sturm aus dem Wind dreht, nutzt Batterien oder Ultrakondensatoren. Auch Schmieröl im Getriebe ist kein Treibstoff. Laut Umweltbundesamt hat eine Windkraftanlage die Energie für ihren Bau nach wenigen Monaten wieder eingespielt.

Quellen