# Wir bilden doch genug aus — das Problem ist hausgemacht.

Thema: Fachkräftemangel
URL: https://fakten-stammtisch.de/thema/fachkraeftemangel/genug-ausbildung/
Bewertung: Teilweise wahr
Stand: 2026-06-10

## Antwort

An der Diagnose ist etwas dran: Es ist tatsächlich auch ein hausgemachtes Passungsproblem. Zum Stichtag 30.09.2024 blieben 69.400 Ausbildungsstellen unbesetzt, während gleichzeitig 70.400 Bewerber unversorgt waren — Angebot und Nachfrage finden regional und fachlich nicht zusammen. Hinzu kommt, dass 19 % der jungen Erwachsenen keinen Berufsabschluss haben. Bessere Berufsorientierung, Mobilität und Attraktivität der Ausbildung helfen also wirklich. Aber selbst eine perfekte Ausbildung ändert nichts daran, dass demografisch schlicht weniger Junge nachrücken.

## Was hinter der Parole steckt

Die Aussage benennt zu Recht das Matching-Problem bei der Ausbildung, verallgemeinert es aber zur Alleinursache (‚hausgemacht') und blendet den demografischen Rückgang der nachrückenden Jahrgänge aus.

## Am Tisch nützlich – Gegenfragen

- „Wenn genug ausgebildet wird — warum bleiben dann zugleich Zehntausende Lehrstellen und Bewerber ohne Match?"
- „Wie viele zusätzliche Azubis kann man gewinnen, wenn die jungen Jahrgänge demografisch kleiner werden?"
- „Welcher Teil ist hausgemacht (Matching, Attraktivität) und welcher schlicht Demografie?"

## Fakten dazu

### Was tatsächlich hilft

Es gibt keinen einzelnen Hebel gegen den Fachkräftemangel — und genau das macht die Debatte anfällig für Scheinlösungen. Die Fachkräftestrategie der Bundesregierung (2022) setzt deshalb auf fünf Handlungsfelder gleichzeitig: zeitgemäße Ausbildung, gezielte Weiterbildung, höhere Erwerbsbeteiligung (Frauen, Ältere, Menschen mit Behinderung), bessere Arbeitsbedingungen sowie eine modernisierte Einwanderung.

- Schon bei der Ausbildung zeigt sich, dass es kein reines Mengenproblem ist, sondern ein Passungsproblem: Zum Stichtag 30.09.2024 standen 69.400 unbesetzten Ausbildungsstellen 70.400 unversorgte Bewerber gegenüber. Angebot und Nachfrage existieren — sie finden nur regional und fachlich oft nicht zusammen.

Wirksam ist deshalb ein Bündel: inländische Potenziale heben (Teilzeit, Ältere, Stille Reserve), konsequent nach- und weiterqualifizieren, die Ausbildung attraktiver und passgenauer machen sowie qualifizierte Zuwanderung erleichtern. Keine dieser Maßnahmen allein schließt die Lücke — und die demografische Grundtendenz lässt sich abfedern, aber nicht aufheben. Wer eine einfache Patentlösung verspricht, vereinfacht das Problem unzulässig.

### Ungenutzte Potenziale im Inland

Bevor man auf Zuwanderung schaut, lohnt der Blick auf die Reserven im Inland. Laut Destatis umfasste die ‚Stille Reserve' 2025 rund 3,2 Millionen Menschen — Personen, die zwar arbeiten möchten, aber dem Arbeitsmarkt aktuell nicht als Arbeitslose zur Verfügung stehen. Zusammen mit Erwerbslosen ergibt sich ein ungenutztes Potenzial von fast 4,9 Millionen Menschen.

_Hebbares Arbeitskräftepotenzial in Vollzeitäquivalenten (IAW-Modellrechnung)_

- Längere Arbeitszeit bei Teilzeit: 39% (1,7 Mio. – v. a. Frauen ohne betreuungspflichtige Kinder)
- Höhere Qualifizierung: 27% (1,18 Mio. – Aufstieg in höhere Anforderungsniveaus)
- Menschen ohne Berufsabschluss: 14% (609.000 – Nachqualifizierung)
- Personen mit Migrationshintergrund: 10% (432.000 – höhere Erwerbsbeteiligung)
- Arbeitnehmende ab 50: 10% (414.000 – längeres Erwerbsleben)
- Gesamt: ≈ 4,3 Mio. Vollzeitäquivalente (Modellannahmen)

- Bei den Älteren wird dieses Potenzial bereits stark genutzt: Die Erwerbstätigenquote der 60- bis 64-Jährigen stieg von 53 % (2015) auf 68 % (2025) — der größte Anstieg aller Altersgruppen. Viel zusätzlicher Spielraum nach oben ist hier also schon ausgeschöpft.

Die Potenziale sind real, aber kein Selbstläufer. Das Teilzeit-Potenzial hängt an Kinderbetreuung und steuerlichen Anreizen (siehe Thema Teilzeit), nicht an fehlendem Willen. Und die Qualifizierungsreserve ist groß: 19 % der 20- bis 34-Jährigen hatten 2023 keinen Berufsabschluss. Diese Menschen für Engpassberufe zu gewinnen, ist anspruchsvoller, als eine Zahl es nahelegt.

## Quellen

- [IAB – Nur mit einer jährlichen Nettozuwanderung von 400.000 Personen bleibt das Arbeitskräfteangebot langfristig konstant (2021)](https://iab.de/presseinfo/nur-mit-einer-jaehrlichen-nettozuwanderung-von-400-000-personen-bleibt-das-arbeitskraefteangebot-langfristig-konstant/)
- [Statistisches Bundesamt – Ungenutztes Arbeitskräftepotenzial 2025: 1,7 Mio. Erwerbslose und 3,2 Mio. Personen in Stiller Reserve (2026)](https://www.destatis.de/DE/Presse/Pressemitteilungen/2026/05/PD26_154_13.html)
- [IAW / Stiftung Familienunternehmen – Arbeitskräftepotenziale in Deutschland besser ausschöpfen (2024)](https://www.familienunternehmen.de/de/news/weniger-teilzeit-koennte-1-7-millionen-zusaetzliche-vollzeitstellen-bringen)
- [Statistisches Bundesamt – Erwerbstätigkeit älterer Menschen (2026)](https://www.destatis.de/DE/Themen/Querschnitt/Demografischer-Wandel/Aeltere-Menschen/erwerbstaetigkeit.html)
- [BIBB – Nicht formal Qualifizierte: 19 % der 20- bis 34-Jährigen ohne Berufsabschluss (Datenreport 2024, Bezugsjahr 2023)](https://www.bibb.de/de/212956.php)
- [BMAS – Kabinett beschließt Fachkräftestrategie der Bundesregierung (2022)](https://www.bmas.de/DE/Service/Presse/Pressemitteilungen/2022/fachkraeftestrategie-vom-kabinett-beschlossen.html)
- [BIBB – Die Entwicklung des Ausbildungsmarktes im Jahr 2024 (2024)](https://www.bibb.de/de/201811.php)
