# Einfach alle länger arbeiten lassen — Rente mit 70, dann ist das Problem gelöst.

Thema: Fachkräftemangel
URL: https://fakten-stammtisch.de/thema/fachkraeftemangel/laenger-arbeiten/
Bewertung: Irreführend
Stand: 2026-06-10

## Antwort

Ältere länger im Job zu halten, hilft tatsächlich — und passiert längst: Die Erwerbstätigenquote der 60- bis 64-Jährigen ist von 53 % (2015) auf 68 % (2025) gestiegen. Genau deshalb ist das zusätzliche Potenzial begrenzt: Modellrechnungen sehen bei den über 50-Jährigen noch rund 414.000 Vollzeitäquivalente. Das steht gegen 7,2 Millionen wegfallende Erwerbspersonen bis 2035. Längeres Arbeiten ist ein sinnvoller Baustein, aber bei Weitem keine Komplettlösung — und körperlich belastende Engpassberufe wie die Pflege lassen sich nicht beliebig verlängern.

## Was hinter der Parole steckt

Die Parole verspricht von einem einzelnen Hebel die Lösung des gesamten Problems und ignoriert, dass das Potenzial Älterer schon weitgehend gehoben ist. Sie übersieht zudem, dass gerade belastende Engpassberufe sich nicht beliebig verlängern lassen.

## Am Tisch nützlich – Gegenfragen

- „Wenn die Erwerbsquote Älterer schon von 53 auf 68 % gestiegen ist — wie viel Spielraum bleibt da noch?"
- „Reichen rund 414.000 zusätzliche Kräfte gegen 7,2 Millionen wegfallende Erwerbspersonen?"
- „Für welche Berufe ist längeres Arbeiten realistisch — und für welche körperlich anspruchsvollen eher nicht?"

## Fakten dazu

### Ungenutzte Potenziale im Inland

Bevor man auf Zuwanderung schaut, lohnt der Blick auf die Reserven im Inland. Laut Destatis umfasste die ‚Stille Reserve' 2025 rund 3,2 Millionen Menschen — Personen, die zwar arbeiten möchten, aber dem Arbeitsmarkt aktuell nicht als Arbeitslose zur Verfügung stehen. Zusammen mit Erwerbslosen ergibt sich ein ungenutztes Potenzial von fast 4,9 Millionen Menschen.

_Hebbares Arbeitskräftepotenzial in Vollzeitäquivalenten (IAW-Modellrechnung)_

- Längere Arbeitszeit bei Teilzeit: 39% (1,7 Mio. – v. a. Frauen ohne betreuungspflichtige Kinder)
- Höhere Qualifizierung: 27% (1,18 Mio. – Aufstieg in höhere Anforderungsniveaus)
- Menschen ohne Berufsabschluss: 14% (609.000 – Nachqualifizierung)
- Personen mit Migrationshintergrund: 10% (432.000 – höhere Erwerbsbeteiligung)
- Arbeitnehmende ab 50: 10% (414.000 – längeres Erwerbsleben)
- Gesamt: ≈ 4,3 Mio. Vollzeitäquivalente (Modellannahmen)

- Bei den Älteren wird dieses Potenzial bereits stark genutzt: Die Erwerbstätigenquote der 60- bis 64-Jährigen stieg von 53 % (2015) auf 68 % (2025) — der größte Anstieg aller Altersgruppen. Viel zusätzlicher Spielraum nach oben ist hier also schon ausgeschöpft.

Die Potenziale sind real, aber kein Selbstläufer. Das Teilzeit-Potenzial hängt an Kinderbetreuung und steuerlichen Anreizen (siehe Thema Teilzeit), nicht an fehlendem Willen. Und die Qualifizierungsreserve ist groß: 19 % der 20- bis 34-Jährigen hatten 2023 keinen Berufsabschluss. Diese Menschen für Engpassberufe zu gewinnen, ist anspruchsvoller, als eine Zahl es nahelegt.

### Demografie: der eigentliche Treiber

Der wichtigste Grund für den Fachkräftemangel ist nicht Faulheit oder Teilzeit, sondern die Alterung der Gesellschaft. Laut Statistischem Bundesamt erreichen in den nächsten 15 Jahren rund 13,4 Millionen Erwerbspersonen die Regelaltersgrenze von 67 Jahren — etwa 31 % aller Erwerbspersonen. Diese ‚Babyboomer' gehen in Rente, ohne dass gleich große Jahrgänge nachrücken.

- Renteneintritt bis 2039: 13,4 Mio. (≈ 31 % der Erwerbspersonen)
- Ohne Zuwanderung: −7,2 Mio. (Erwerbspersonen bis 2035 (IAB))
- Ältere Beschäftigte: 24 % (der Erwerbstätigen sind 55–64 (EU-Spitze))
- Nötige Nettozuwanderung: ~400.000 (pro Jahr für ein konstantes Angebot)

_Erwerbspersonenpotenzial ohne Zuwanderung (IAB-Projektion, Mio.)_

- 2020: 47.4 Mio.
- 2035: 40.2 Mio.
- 2060: 31.4 Mio.

Laut Prognose des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) wächst das Erwerbspersonenpotenzial 2025 noch leicht und sinkt 2026 erstmals demografiebedingt. Anders als die konjunkturabhängige Fachkräftelücke ist dieser Rückgang langfristig angelegt — durch höhere Erwerbsbeteiligung und Zuwanderung abfederbar, aber in der Grundtendenz nicht aufzuhalten.

## Quellen

- [Statistisches Bundesamt – 13,4 Millionen Erwerbspersonen erreichen in den nächsten 15 Jahren das gesetzliche Rentenalter (2025)](https://www.destatis.de/DE/Presse/Pressemitteilungen/2025/08/PD25_N048_13.html)
- [IAB – Nur mit einer jährlichen Nettozuwanderung von 400.000 Personen bleibt das Arbeitskräfteangebot langfristig konstant (2021)](https://iab.de/presseinfo/nur-mit-einer-jaehrlichen-nettozuwanderung-von-400-000-personen-bleibt-das-arbeitskraefteangebot-langfristig-konstant/)
- [IAB – IAB-Prognose für 2025/2026: Arbeitsmarkt profitiert von Fiskalpaketen, wird aber durch den demografischen Wandel gebremst (2025)](https://iab.de/presseinfo/iab-prognose-fuer-2025-2026-arbeitsmarkt-profitiert-von-fiskalpaketen-wird-aber-durch-den-demografischen-wandel-gebremst/)
- [Statistisches Bundesamt – Fast ein Viertel der Erwerbstätigen ist zwischen 55 und 64 Jahre alt (2026)](https://www.destatis.de/DE/Presse/Pressemitteilungen/2026/02/PD26_N009_13.html)
- [Statistisches Bundesamt – Ungenutztes Arbeitskräftepotenzial 2025: 1,7 Mio. Erwerbslose und 3,2 Mio. Personen in Stiller Reserve (2026)](https://www.destatis.de/DE/Presse/Pressemitteilungen/2026/05/PD26_154_13.html)
- [IAW / Stiftung Familienunternehmen – Arbeitskräftepotenziale in Deutschland besser ausschöpfen (2024)](https://www.familienunternehmen.de/de/news/weniger-teilzeit-koennte-1-7-millionen-zusaetzliche-vollzeitstellen-bringen)
- [Statistisches Bundesamt – Erwerbstätigkeit älterer Menschen (2026)](https://www.destatis.de/DE/Themen/Querschnitt/Demografischer-Wandel/Aeltere-Menschen/erwerbstaetigkeit.html)
- [BIBB – Nicht formal Qualifizierte: 19 % der 20- bis 34-Jährigen ohne Berufsabschluss (Datenreport 2024, Bezugsjahr 2023)](https://www.bibb.de/de/212956.php)
