# Sprache ändert doch nichts an der Realität!

Thema: Gendern & Sprachpolitik
URL: https://fakten-stammtisch.de/thema/gendern/sprache-aendert-nichts/
Bewertung: Überwiegend falsch
Stand: 2026-06-10

## Antwort

Die Forschung zeigt messbare Effekte: In einer Multi-Lab-Studie mit 2.697 Teilnehmenden (Brohmer et al. 2024) nannten Versuchspersonen bei geschlechterinklusiven Formen signifikant mehr Frauen, und Kinder trauen sich bei Beidnennung typisch männliche Berufe eher zu (Vervecken & Hannover 2015). Einen wahren Kern hat der Einwand trotzdem: Sprache allein ändert keine Gehälter und keine Karrierechancen, und die meisten Befunde stammen aus Laborexperimenten — wie stark sie im Alltag wirken, ist nicht abschließend geklärt. Dass Worte gar nichts bewirken, lässt sich nach aktueller Studienlage aber nicht halten.

## Was hinter der Parole steckt

Die Aussage baut eine falsche Dichotomie auf: Entweder Sprache verändert ‚die Realität' unmittelbar, oder sie ist wirkungslos. Wahrnehmung, Assoziationen und Berufswünsche sind aber ebenfalls Realität — die belegten Effekte liegen zwischen den beiden Extremen, die die Parole zulässt.

## Am Tisch nützlich – Gegenfragen

- „Warum geben Unternehmen Milliarden für Werbetexte aus, wenn Worte nichts bewirken?"
- „Zählt es für dich zur Realität, welche Berufe sich Kinder zutrauen?"
- „Was würdest du als Beleg akzeptieren, dass Sprache Wahrnehmung beeinflusst?"

## Fakten dazu

### Sprachforschung: Generisches Maskulinum

Eine der zentralen Fragen der Debatte lautet: Wird das generische Maskulinum tatsächlich als geschlechtsneutral verstanden? Die Sprachforschung untersucht seit über 20 Jahren, welche mentalen Bilder Personenbezeichnungen auslösen — mit konsistenten Ergebnissen.

- Eine Multi-Lab-Replikation mit 2.697 Teilnehmenden an 12 Laboren bestätigte 2024: Bei geschlechterinklusiven Formen werden signifikant mehr Frauen genannt als beim generischen Maskulinum.

- Hinweis ‚alle gemeint' im Test: Ohne Wirkung (Rothermund & Strack 2024, Uni Würzburg)
- Erstnachweis Male Bias: 2001 (Stahlberg, Sczesny & Braun)
- Stellenanzeigen-Experiment: N = 363 (Horvath & Sczesny 2015)
- Kinder & Berufswünsche: 591 Kinder (Vervecken & Hannover 2015)

Die Befunde zeigen einen robusten Effekt: Das generische Maskulinum löst überwiegend männliche Assoziationen aus — in der Würzburger Studie halfen nur kontextuelle Hinweise, nicht der bloße Verweis auf die geschlechtsübergreifende Bedeutung. Einschränkend gilt: Die meisten Studien sind Laborexperimente, und wie stark sich die gemessenen Effekte im Alltag auswirken, bleibt in der Forschung umstritten.

## Quellen

- [Brohmer et al. – Multi-Lab Replication: Effects of Generic Masculine, International Review of Social Psychology (2024)](https://rips-irsp.com/articles/10.5334/irsp.522)
- [Rothermund & Strack – Overcoming the Male Dominance of the Generic Masculine, Uni Würzburg (2024)](https://uni-wuerzburg.de/aktuelles/pressemitteilungen/single/news/generisches-maskulinum)
- [Sczesny, Formanowicz & Moser – Can Gender-Fair Language Reduce Stereotyping?, Frontiers in Psychology (2016)](https://www.frontiersin.org/journals/psychology/articles/10.3389/fpsyg.2016.00025/full)
- [Horvath & Sczesny – Reducing Women's Lack of Fit with Leadership, Uni Bern (2015)](https://boris.unibe.ch/75293/)
- [Vervecken & Hannover – Effects of Gender Fair Job Descriptions on Children, Social Psychology (2015)](https://idw-online.de/de/news632492)
