# Mit der Aktivrente und steuerfreien Überstunden lösen wir den Fachkräftemangel.

Thema: Teilzeit & Arbeitsmoral
URL: https://fakten-stammtisch.de/thema/teilzeit/arg-12/
Bewertung: Irreführend
Stand: 2026-06-10

## Antwort

Die Idee, Mehrarbeit steuerlich zu belohnen, klingt plausibel — die Wirkung ist aber unsicher. Beim DIW wird die Aktivrente vor allem als Mitnahmeeffekt eingeschätzt: Rund 73 % der Steuerentlastung entfallen auf das oberste Einkommensfünftel, also auf Menschen, die ohnehin weiterarbeiten würden. Und von den steuerfreien Überstundenzuschlägen profitieren laut WSI nur etwa 1,4 % der Beschäftigten, die überhaupt regelmäßig solche Zuschläge erhalten. Gegen den demografischen Schwund von Millionen Erwerbspersonen sind das eher kleine Hebel.

## Was hinter der Parole steckt

Die Aussage verspricht eine große Wirkung von einer Maßnahme, die nur einen kleinen Kreis erreicht, und blendet Mitnahmeeffekte aus — wer ohnehin gearbeitet hätte, wird belohnt, ohne dass zusätzliche Arbeit entsteht.

## Am Tisch nützlich – Gegenfragen

- „Entsteht zusätzliche Arbeit, wenn vor allem Menschen entlastet werden, die ohnehin weiterarbeiten?"
- „Wie viele der Beschäftigten haben überhaupt steuerpflichtige Überstundenzuschläge?"
- „Wie viele zusätzliche Arbeitsstunden müssten die Maßnahmen auslösen, um die Lücke der Babyboomer zu schließen?"

## Fakten dazu

### Politische Rezepte und strukturelle Fehlanreize

Ein großer Teil der Teilzeit ist nicht freie Vorliebe, sondern Reaktion auf das Steuer- und Abgabensystem. Ehegattensplitting und die Steuerklassenkombination III/V machen es für Zweitverdienende — meist Frauen — finanziell wenig attraktiv, die Stunden auszuweiten. Eine Auswertung des Bundeswirtschaftsministeriums zeigt: Wer automatisch in das Faktorverfahren (Steuerklasse IV/IV) eingestuft wurde, hatte eine um rund einen Prozentpunkt höhere Frauenerwerbsbeteiligung und eine um zwei Prozentpunkte geringere Lohnlücke zwischen den Partnern. Auch die OECD empfiehlt Deutschland, Splitting und Minijobs zu reformieren.

Die Minijob-Grenze ist dynamisch an den Mindestlohn gekoppelt und stieg zum 1. Januar 2026 auf 603 Euro im Monat. Solche geringfügigen Beschäftigungen verfestigen oft die Teilzeit, weil der Übergang in reguläre, sozialversicherungspflichtige Arbeit netto kaum lohnt. Das gesetzliche Rückkehrrecht aus der Teilzeit (Brückenteilzeit, seit 2019) sollte gegensteuern — wird aber kaum genutzt: Mitte 2022 hatten nur rund 0,5 % der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten davon Gebrauch gemacht.

Die aktuelle Bundesregierung setzt vor allem auf steuerliche Anreize zum Mehrarbeiten: Seit dem 1. Januar 2026 können Beschäftigte nach Erreichen der Regelaltersgrenze über die ‚Aktivrente' bis zu 2.000 Euro im Monat steuerfrei hinzuverdienen; zudem sollen Überstundenzuschläge steuerfrei gestellt werden. Ökonomen sind skeptisch: Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW Berlin) rechnet bei der Aktivrente vor allem mit Mitnahmeeffekten — rund 73 % der Entlastung entfielen auf das oberste Einkommensfünftel. Das Wirtschafts- und Sozialwissenschaftliche Institut (WSI) verweist darauf, dass nur etwa 1,4 % der Beschäftigten überhaupt regelmäßig steuerpflichtige Überstundenzuschläge erhalten.

- Aktivrente: 2.000 € (steuerfrei/Monat ab Regelalter (seit 2026))
- DIW: Entlastung: 73 % (fließt ins oberste Einkommensfünftel)
- Minijob-Grenze 2026: 603 € (an Mindestlohn gekoppelt)

### Demografie und ungenutztes Arbeitskräftepotenzial

Der eigentliche Druck auf das Arbeitsvolumen kommt nicht von der Teilzeit, sondern von der Demografie. Laut Destatis erreichen in den nächsten 15 Jahren rund 13,4 Millionen Erwerbstätige die Regelaltersgrenze von 67 Jahren — fast ein Drittel aller Erwerbstätigen. Das IAB hatte bereits berechnet, dass das Arbeitskräfteangebot ohne Zuwanderung bis 2035 um etwa 7,2 Millionen Personen schrumpfen würde (Projektion von 2021; Methodik und Stichjahr unterscheiden sich von der Destatis-Zahl).

- Renteneintritt bis ~2039: 13,4 Mio. (≈ ein Drittel der Erwerbstätigen)
- Stille Reserve: 3,1 Mio. (verfügbares, ungenutztes Potenzial)
- Teilzeit-Potenzial: 1,7 Mio. (Vollzeitstellen (Modellszenario))

Hier liegt zugleich eine Chance: Eine Studie des Instituts für Angewandte Wirtschaftsforschung (IAW) kommt zu dem Ergebnis, dass sich rund 1,7 Millionen zusätzliche Vollzeitstellen heben ließen — allerdings nur unter der Annahme, dass die Hälfte der teilzeitbeschäftigten Frauen ohne betreuungspflichtige Kinder ihre Stunden an gleichaltrige Männer angleicht. Das ist ein Modellszenario, kein Automatismus. Es zeigt aber, dass die Stellschraube weniger ‚Faulheit' ist als die Frage, wer unter welchen Bedingungen aufstocken kann.

## Quellen

- [IAB-Forum: Die gesetzliche Brückenteilzeit wird eher zurückhaltend genutzt (2023)](https://iab-forum.de/die-gesetzliche-bruckenteilzeit-wird-eher-zuruckhaltend-genutzt/)
- [Destatis: 13,4 Millionen Erwerbstätige erreichen in 15 Jahren die Regelaltersgrenze (PD25 N048)](https://www.destatis.de/DE/Presse/Pressemitteilungen/2025/08/PD25_N048_13.html)
- [IAB: Arbeitskräfteangebot sinkt ohne Zuwanderung bis 2035 um 7,2 Mio. (2021)](https://iab.de/presseinfo/nur-mit-einer-jaehrlichen-nettozuwanderung-von-400-000-personen-bleibt-das-arbeitskraefteangebot-langfristig-konstant/)
- [IAW / Stiftung Familienunternehmen: Weniger Teilzeit könnte 1,7 Mio. Vollzeitstellen bringen (2024)](https://www.familienunternehmen.de/de/news/weniger-teilzeit-koennte-1-7-millionen-zusaetzliche-vollzeitstellen-bringen)
- [Destatis: 3,1 Millionen Menschen in der Stillen Reserve (PD25 231)](https://www.destatis.de/DE/Presse/Pressemitteilungen/2025/06/PD25_231_13.html)
- [BMWE: Kann eine Reform der Ehegattenbesteuerung die Beschäftigung erhöhen? (2025)](https://www.bundeswirtschaftsministerium.de/Redaktion/DE/Schlaglichter-der-Wirtschaftspolitik/2025/05/05-ehegattenbesteuerung.html)
- [OECD: Economic Survey Germany 2025 (Empfehlung zu Ehegattensplitting und Minijobs)](https://www.oecd.org/en/publications/oecd-economic-surveys-germany-2025_39d62aed-en.html)
- [Deutsche Rentenversicherung: Minijob-Verdienstgrenze steigt 2026 auf 603 Euro](https://www.deutsche-rentenversicherung.de/BadenWuerttemberg/DE/Presse/Pressemitteilungen/2025/251222_Minijob.html)
- [Bundesfinanzministerium: Gesetzentwurf zur neuen Aktivrente (15.10.2025)](https://www.bundesfinanzministerium.de/Content/DE/Pressemitteilungen/Finanzpolitik/2025/10/2025-10-15-gesetzentwurf-zur-neuen-aktivrente.html)
- [DIW Berlin: Aktivrente entlastet vor allem Besserverdienende (Wochenbericht 25/2025)](https://www.diw.de/de/diw_01.c.958929.de/publikationen/wochenberichte/2025_25_1/aktivrente_entlastet_vor_allem_besserverdienende_rentner_innen_____mit_unsicheren_beschaeftigungseffekten.html)
