Dass Forschende auf Finanzierung angewiesen sind, stimmt — die Anreize wirken aber in beide Richtungen. Spektakuläre Ergebnisse erhöhen zwar die Publikations- und damit Förderchancen, was zum Publication Bias beiträgt. Zugleich durchläuft jedes Ergebnis Peer Review und wird von Konkurrenten nachgeprüft, die mit dem Widerlegen etablierter Befunde selbst Reputation gewinnen; wessen Ergebnisse sich nicht reproduzieren lassen, verliert an Glaubwürdigkeit. Ein einseitiger Anreiz, dauerhaft zu übertreiben, lässt sich daraus nicht ableiten — Übertreibung trägt das Risiko, beim Nachprüfen aufzufliegen.
Was hinter der Parole steckt: Unterstellung eines einseitigen Anreizes: Aus der Abhängigkeit von Drittmitteln wird ein durchgängiges Motiv zum Übertreiben konstruiert. Übersehen wird, dass Peer Review und unabhängige Nachprüfung ein Gegengewicht bilden und Übertreibung mit dem Risiko des Auffliegens bestrafen — auch wenn das Publikationssystem spektakuläre Ergebnisse durchaus begünstigt.
Am Tisch nützlich – Gegenfragen:
- „Wer macht in der Wissenschaft Karriere — wer Ergebnisse bestätigt oder wer etablierte Annahmen kippt?"
- „Was passiert mit dem Ruf einer Forscherin, deren übertriebene Ergebnisse sich nicht replizieren lassen?"
Stichworte: nur Fördergelder, Forschungsgelder, übertreiben für Geld, Panikmache, Drittmittel
Fakten dazu
Wie Wissenschaft funktioniert
Viele Missverständnisse über die Wissenschaft entstehen aus einer falschen Erwartung: Wissenschaft liefere fertige, endgültige Wahrheiten. Tatsächlich ist sie ein Verfahren, das Wissen schrittweise prüft, eingrenzt und bei Bedarf korrigiert. Eine einzelne Studie ist immer vorläufig — verlässlich wird Wissen erst durch das Zusammenspiel vieler unabhängiger Befunde.
Hinweis: Wie aus einer Idee belastbares Wissen wird
- Hypothese: Begründete Vermutung, aus der sich überprüfbare Vorhersagen ableiten lassen
- Studie & Daten: Kontrollierte Überprüfung an der Realität
- Peer Review: Begutachtung durch unabhängige Fachleute vor der Veröffentlichung
- Replikation: Unabhängige Wiederholung durch andere Forschungsgruppen
- Konsens: Verdichtung vieler Befunde zum belastbaren Forschungsstand
- Eine wissenschaftliche ‚Theorie' ist keine bloße Vermutung, sondern laut der US-amerikanischen National Academy of Sciences eine ‚gut belegte Erklärung eines Aspekts der natürlichen Welt', die Fakten, Gesetze und geprüfte Hypothesen zusammenführt.
Dass die Wissenschaft ihre Aussagen revidiert, wenn neue Evidenz vorliegt, ist kein Mangel, sondern ihr Kern: Ein Befund gewinnt erst dann Vertrauen, wenn er wiederholter Prüfung standhält. Das Verfahren ist darauf ausgelegt, eigene Fehler zu finden — nicht, sie zu vermeiden.
Die Replikationskrise
Seit etwa 2011 ist klar: Nicht jeder publizierte Befund lässt sich wiederholen. Besonders in Teilen der Psychologie und der biomedizinischen Forschung scheiterten Replikationsversuche häufiger als erwartet. Das ist ein ernstes Problem — aber eines, das die Wissenschaft selbst entdeckt, benannt und untersucht hat.
- Psychologie repliziert: 36 % (von 100 Studien (Originale: 97 %))
- Krebsbiologie repliziert: 40 % (positive Effekte (39 von 97))
- Journals mit Präregistrierung: 300+ (Registered Reports)
- Die Replikationskrise wurde nicht von Kritikern der Wissenschaft aufgedeckt, sondern von Forschenden selbst — in großangelegten, kooperativen Replikationsprojekten.
Dass die Wissenschaft ihre eigenen Schwächen sucht, offenlegt und korrigiert, ist Selbstkontrolle in Aktion. Die Reaktion war Reform, nicht Vertuschung: Über 300 Fachzeitschriften nutzen heute das Format der Registered Reports, bei dem die Methodik einer Studie schon vor der Datenerhebung begutachtet und angenommen wird — das nimmt den Anreiz, Ergebnisse im Nachhinein schönzurechnen.