Bei einfachen Tätigkeiten steckt ein wahrer Kern darin: Wo viele Arbeitslose auf wenige Stellen kommen, wären höhere Löhne tatsächlich ein wirksamer Hebel — auf eine Helferstelle kamen 2022 mehr als fünf Arbeitslose. Bei qualifizierten Fachkräften ist es umgekehrt: Dort fehlten rechnerisch 371.000 bis 630.000 Menschen (2022), und in der gut bezahlten Pflege bleibt die Lücke trotz überdurchschnittlicher Löhne groß. Geld allein schafft keine zusätzlich ausgebildeten Fachkräfte. Der Mangel ist also echt — aber gezielt, nicht flächendeckend.
Was hinter der Parole steckt: Die Parole verallgemeinert einen Effekt, der nur für Helfertätigkeiten gilt, auf den ganzen Arbeitsmarkt und deutet ein strukturelles Passungsproblem in reine Lohndrückerei um. Sie unterschlägt, dass bei qualifizierten Berufen schlicht die Menschen fehlen — auch dort, wo gut gezahlt wird.
Am Tisch nützlich – Gegenfragen:
- „Wenn es nur am Lohn liegt: Warum fehlen dann auch in der überdurchschnittlich bezahlten Pflege die Leute?"
- „Wo genau sollen die zusätzlichen ausgebildeten Pflegekräfte oder Elektriker herkommen, wenn der Lohn steigt?"
- „Gilt dein Argument für jeden Beruf gleich — oder nur für Tätigkeiten, die man schnell anlernen kann?"
Stichworte: kein Mangel, Löhne, Bezahlung, Arbeitgeber, Lohndumping
Fakten dazu
Echter Mangel oder nur ein Lohnproblem?
Ein verbreiteter Einwand kommt von Ökonomen selbst: Bei echter Knappheit müssten die Löhne in Mangelberufen kräftig steigen — tun sie das nicht, sei der ‚Mangel' überzeichnet. Prominent vertreten haben diese These IZA-Direktor Simon Jäger und ifo-Präsident Clemens Fuest, die höhere Löhne als marktwirtschaftliche Antwort fordern. Der Gedanke hat einen wahren Kern: Wo das Arbeitsangebot elastisch ist, lockt mehr Geld zusätzliche Kräfte an.
Hinweis: Offene Stellen und Arbeitslose nach Qualifikation (Ø 2022)
- Fachkräfte (qualifiziert)
- Offene Stellen: 1.339.000
- Qualifizierte Arbeitslose: 968.000
- Rechnerische Lücke: −371.000
- Helfer (ohne Abschluss)
- Offene Stellen: 244.000
- Arbeitslose: 1.278.000
- Je Stelle: > 5 Arbeitslose
Hier liegt der Kern der Debatte: Bei Helfertätigkeiten gibt es ein Überangebot — dort wäre mehr Lohn tatsächlich ein wirksamer Hebel. Bei qualifizierten Fachkräften fehlen die Menschen aber schlicht: Auf Ebene der konkret geforderten Qualifikationen fehlten 2022 rechnerisch zwischen 371.000 und 630.000 Kräfte. Das IW Köln findet bei klassischen Ausbildungsberufen zudem keinen statistischen Zusammenhang zwischen Engpass und Lohnentwicklung — unter anderem, weil Tarifverträge die Bezahlung an Qualifikation und nicht an Knappheit knüpfen.
- Die Pflege ist das Gegenbeispiel zur reinen Lohnthese: Pflegefachkräfte verdienten im April 2023 mit 4.067 € (Krankenpflege) bzw. 3.920 € (Altenpflege) überdurchschnittlich — gut 200 bis 350 € mehr als der Schnitt aller Vollzeitbeschäftigten mit Berufsausbildung (3.714 €). Trotzdem bleibt die Lücke groß. Höhere Löhne allein schaffen keine zusätzlich ausgebildeten Pflegekräfte.
Wie groß ist der Fachkräftemangel wirklich?
Der Begriff ‚Fachkräftemangel' wird oft unscharf verwendet. Das Kompetenzzentrum Fachkräftesicherung (KOFA) am Institut der deutschen Wirtschaft misst die sogenannte Fachkräftelücke: die Zahl der offenen Stellen für qualifizierte Kräfte, für die es rechnerisch bundesweit keine passend qualifizierten Arbeitslosen gibt. Im Jahresdurchschnitt 2025 lag diese Lücke bei 369.516 Stellen. Das ist kein flächendeckender Arbeitskräftemangel, sondern ein gezielter Engpass bei bestimmten Qualifikationen — 61 % davon entfallen auf Fachkräfte mit abgeschlossener Berufsausbildung.
- Fachkräftelücke: 369.516 (nicht besetzbare Stellen (Ø 2025))
- Gemeldete Stellen: 641.000 (bei der BA (April 2026))
- Vakanzzeit: 94 Tage (bis eine Stelle besetzt ist (2024))
- Betroffene Berufe: 51,4 % (der qualifizierten Berufsgattungen)
- Die Fachkräftelücke ist 2025 um 24,1 % gesunken — von 487.029 (2024) auf 369.516.
Dieser Rückgang ist allerdings vor allem konjunkturell: In der Wirtschaftsflaute melden Betriebe weniger offene Stellen. Der strukturelle, demografisch getriebene Engpass bleibt bestehen und dürfte mit der Rentenwelle wieder zunehmen. Dass er realwirtschaftlich Folgen hat, zeigt eine Berechnung des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW): 2024 konnte die deutsche Wirtschaft Produktionskapazitäten im Wert von rund 49 Milliarden Euro nicht ausschöpfen, weil Stellen unbesetzt blieben. Für 2027 prognostiziert das Institut einen Anstieg auf 74 Milliarden Euro. Solche Modellrechnungen sind mit Unsicherheit behaftet, illustrieren aber die Größenordnung.