Zuwanderung: Notwendigkeit und Grenzen
Selbst wenn man alle inländischen Potenziale hebt, reicht das rechnerisch nicht aus, um die demografische Lücke zu schließen. Die Bertelsmann Stiftung beziffert den nötigen jährlichen Zustrom auf 288.000 bis 368.000 Arbeitskräfte bis 2040. Tatsächlich lag die Nettozuwanderung 2024 bei rund 430.000 Personen — nach einem Ausnahmejahr 2023 (663.000) deutlich rückläufig, aber weiterhin im benötigten Bereich.
- Ohne Zuwanderung würde die Beschäftigung längst schrumpfen: Von 2015 bis 2024 stieg die Zahl der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten um 4,0 Millionen — davon entfielen 2,7 Millionen auf ausländische und nur 1,3 Millionen auf deutsche Beschäftigte. In der Pflege wird das Beschäftigungswachstum inzwischen ausschließlich von ausländischen Kräften getragen.
Hinweis: Fachkräfteeinwanderungsgesetz: Inkrafttreten in Stufen
- Nov 2023: Stufe 1: Blaue Karte EU, niedrigere Gehaltsschwellen
- März 2024: Stufe 2: Erfahrungssäule und Anerkennungspartnerschaft
- Juni 2024: Stufe 3: Chancenkarte mit Punktesystem (mind. 6 Punkte; Westbalkan-Kontingent auf 50.000 verdoppelt)
Zuwanderung ist also notwendig, aber kein Selbstläufer. Die Anerkennung ausländischer Abschlüsse wächst zwar (2024: 79.100 positive Bescheide, +21 %), bleibt aber durch föderale Zuständigkeiten und lange Verfahren ein Nadelöhr. Ende 2023 hatten rund 419.000 Menschen aus Nicht-EU-Staaten einen Aufenthaltstitel zur Erwerbstätigkeit. Entscheidend ist, dass die mitgebrachten Qualifikationen zu den Engpässen passen — sonst entsteht Zuwanderung in Arbeitslosigkeit statt in Mangelberufe.
Ungenutzte Potenziale im Inland
Bevor man auf Zuwanderung schaut, lohnt der Blick auf die Reserven im Inland. Laut Destatis umfasste die ‚Stille Reserve' 2025 rund 3,2 Millionen Menschen — Personen, die zwar arbeiten möchten, aber dem Arbeitsmarkt aktuell nicht als Arbeitslose zur Verfügung stehen. Zusammen mit Erwerbslosen ergibt sich ein ungenutztes Potenzial von fast 4,9 Millionen Menschen.
Hinweis: Hebbares Arbeitskräftepotenzial in Vollzeitäquivalenten (IAW-Modellrechnung)
- Längere Arbeitszeit bei Teilzeit: 39% (1,7 Mio. – v. a. Frauen ohne betreuungspflichtige Kinder)
- Höhere Qualifizierung: 27% (1,18 Mio. – Aufstieg in höhere Anforderungsniveaus)
- Menschen ohne Berufsabschluss: 14% (609.000 – Nachqualifizierung)
- Personen mit Migrationshintergrund: 10% (432.000 – höhere Erwerbsbeteiligung)
- Arbeitnehmende ab 50: 10% (414.000 – längeres Erwerbsleben)
- Gesamt: ≈ 4,3 Mio. Vollzeitäquivalente (Modellannahmen)
- Bei den Älteren wird dieses Potenzial bereits stark genutzt: Die Erwerbstätigenquote der 60- bis 64-Jährigen stieg von 53 % (2015) auf 68 % (2025) — der größte Anstieg aller Altersgruppen. Viel zusätzlicher Spielraum nach oben ist hier also schon ausgeschöpft.
Die Potenziale sind real, aber kein Selbstläufer. Das Teilzeit-Potenzial hängt an Kinderbetreuung und steuerlichen Anreizen (siehe Thema Teilzeit), nicht an fehlendem Willen. Und die Qualifizierungsreserve ist groß: 19 % der 20- bis 34-Jährigen hatten 2023 keinen Berufsabschluss. Diese Menschen für Engpassberufe zu gewinnen, ist anspruchsvoller, als eine Zahl es nahelegt.