Ungenutzte Potenziale im Inland
Bevor man auf Zuwanderung schaut, lohnt der Blick auf die Reserven im Inland. Laut Destatis umfasste die ‚Stille Reserve' 2025 rund 3,2 Millionen Menschen — Personen, die zwar arbeiten möchten, aber dem Arbeitsmarkt aktuell nicht als Arbeitslose zur Verfügung stehen. Zusammen mit Erwerbslosen ergibt sich ein ungenutztes Potenzial von fast 4,9 Millionen Menschen.
Hinweis: Hebbares Arbeitskräftepotenzial in Vollzeitäquivalenten (IAW-Modellrechnung)
- Längere Arbeitszeit bei Teilzeit: 1700000% (v. a. Frauen ohne betreuungspflichtige Kinder)
- Höhere Qualifizierung: 1175000% (Aufstieg in höhere Anforderungsniveaus)
- Menschen ohne Berufsabschluss: 609000% (Nachqualifizierung)
- Personen mit Migrationshintergrund: 432000% (höhere Erwerbsbeteiligung)
- Arbeitnehmende ab 50: 414000% (längeres Erwerbsleben)
- Gesamt: ≈ 4,3 Mio. Vollzeitäquivalente (Modellannahmen)
- Bei den Älteren wird dieses Potenzial bereits stark genutzt: Die Erwerbstätigenquote der 60- bis 64-Jährigen stieg von 53 % (2015) auf 68 % (2025) — der größte Anstieg aller Altersgruppen. Viel zusätzlicher Spielraum nach oben ist hier also schon ausgeschöpft.
Die Potenziale sind real, aber kein Selbstläufer. Das Teilzeit-Potenzial hängt an Kinderbetreuung und steuerlichen Anreizen (siehe Thema Teilzeit), nicht an fehlendem Willen. Und die Qualifizierungsreserve ist groß: 19 % der 20- bis 34-Jährigen hatten 2023 keinen Berufsabschluss. Diese Menschen für Engpassberufe zu gewinnen, ist anspruchsvoller, als eine Zahl es nahelegt.
Demografie: der eigentliche Treiber
Der wichtigste Grund für den Fachkräftemangel ist nicht Faulheit oder Teilzeit, sondern die Alterung der Gesellschaft. Laut Statistischem Bundesamt erreichen in den nächsten 15 Jahren rund 13,4 Millionen Erwerbspersonen die Regelaltersgrenze von 67 Jahren — etwa 31 % aller Erwerbspersonen. Diese ‚Babyboomer' gehen in Rente, ohne dass gleich große Jahrgänge nachrücken.
- Renteneintritt bis 2039: 13,4 Mio. (≈ 31 % der Erwerbspersonen)
- Ohne Zuwanderung: −7,2 Mio. (Erwerbspersonen bis 2035 (IAB))
- Ältere Beschäftigte: 24 % (der Erwerbstätigen sind 55–64 (EU-Spitze))
- Nötige Nettozuwanderung: ~400.000 (pro Jahr für ein konstantes Angebot)
Hinweis: Erwerbspersonenpotenzial ohne Zuwanderung (IAB-Projektion, Mio.)
- 2020: 47.4 Mio.
- 2035: 40.2 Mio.
- 2060: 31.4 Mio.
Laut Prognose des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) wächst das Erwerbspersonenpotenzial 2025 noch leicht und sinkt 2026 erstmals demografiebedingt. Anders als die konjunkturabhängige Fachkräftelücke ist dieser Rückgang langfristig angelegt — durch höhere Erwerbsbeteiligung und Zuwanderung abfederbar, aber in der Grundtendenz nicht aufzuhalten.