Die Zahlen sprechen gegen einen erfundenen Vorwand: Die Fachkräftelücke lag 2025 bei rund 370.000 Stellen, Engpässe gibt es in 163 Berufen, und die nicht ausgeschöpfte Wertschöpfung beziffert das IW Köln auf 49 Milliarden Euro. Dass ausländische Beschäftigte den Beschäftigungsaufbau tragen (von 2015 bis 2024 plus 2,7 Millionen), ist eine Folge des Mangels, nicht sein Zweck. Und ‚billig' trifft es nicht: In der Pflege etwa liegen die Löhne über dem Durchschnitt. Hinter dem Mangel steht die Demografie — bis 2039 gehen 13,4 Millionen Menschen in Rente.
Was hinter der Parole steckt: Die Parole unterstellt eine verdeckte Absicht (Lohndrückerei durch Zuwanderung) und erklärt damit belegte Daten zur reinen Inszenierung. Sie verwechselt eine Folge des Mangels — mehr ausländische Beschäftigte — mit dessen angeblichem Zweck.
Am Tisch nützlich – Gegenfragen:
- „Wenn der Mangel nur ein Vorwand wäre — wie erklärst du dann die 13,4 Millionen Babyboomer, die bis 2039 in Rente gehen?"
- „Wenn der Mangel erfunden ist: Warum verliert die Wirtschaft dann laut IW 49 Milliarden Euro an unausgeschöpfter Produktion?"
- „Sind überdurchschnittlich bezahlte Pflegekräfte wirklich ‚billige Arbeitskräfte'?"
Stichworte: Vorwand, Ausländer, Lohndrücker, billige Arbeitskräfte, Zuwanderung
Fakten dazu
Wie groß ist der Fachkräftemangel wirklich?
Der Begriff ‚Fachkräftemangel' wird oft unscharf verwendet. Das Kompetenzzentrum Fachkräftesicherung (KOFA) am Institut der deutschen Wirtschaft misst die sogenannte Fachkräftelücke: die Zahl der offenen Stellen für qualifizierte Kräfte, für die es rechnerisch bundesweit keine passend qualifizierten Arbeitslosen gibt. Im Jahresdurchschnitt 2025 lag diese Lücke bei 369.516 Stellen. Das ist kein flächendeckender Arbeitskräftemangel, sondern ein gezielter Engpass bei bestimmten Qualifikationen — 61 % davon entfallen auf Fachkräfte mit abgeschlossener Berufsausbildung.
- Fachkräftelücke: 369.516 (nicht besetzbare Stellen (Ø 2025))
- Gemeldete Stellen: 641.000 (bei der BA (April 2026))
- Vakanzzeit: 94 Tage (bis eine Stelle besetzt ist (2024))
- Betroffene Berufe: 51,4 % (der qualifizierten Berufsgattungen)
- Die Fachkräftelücke ist 2025 um 24,1 % gesunken — von 487.029 (2024) auf 369.516.
Dieser Rückgang ist allerdings vor allem konjunkturell: In der Wirtschaftsflaute melden Betriebe weniger offene Stellen. Der strukturelle, demografisch getriebene Engpass bleibt bestehen und dürfte mit der Rentenwelle wieder zunehmen. Dass er realwirtschaftlich Folgen hat, zeigt eine Berechnung des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW): 2024 konnte die deutsche Wirtschaft Produktionskapazitäten im Wert von rund 49 Milliarden Euro nicht ausschöpfen, weil Stellen unbesetzt blieben. Für 2027 prognostiziert das Institut einen Anstieg auf 74 Milliarden Euro. Solche Modellrechnungen sind mit Unsicherheit behaftet, illustrieren aber die Größenordnung.
Demografie: der eigentliche Treiber
Der wichtigste Grund für den Fachkräftemangel ist nicht Faulheit oder Teilzeit, sondern die Alterung der Gesellschaft. Laut Statistischem Bundesamt erreichen in den nächsten 15 Jahren rund 13,4 Millionen Erwerbspersonen die Regelaltersgrenze von 67 Jahren — etwa 31 % aller Erwerbspersonen. Diese ‚Babyboomer' gehen in Rente, ohne dass gleich große Jahrgänge nachrücken.
- Renteneintritt bis 2039: 13,4 Mio. (≈ 31 % der Erwerbspersonen)
- Ohne Zuwanderung: −7,2 Mio. (Erwerbspersonen bis 2035 (IAB))
- Ältere Beschäftigte: 24 % (der Erwerbstätigen sind 55–64 (EU-Spitze))
- Nötige Nettozuwanderung: ~400.000 (pro Jahr für ein konstantes Angebot)
Hinweis: Erwerbspersonenpotenzial ohne Zuwanderung (IAB-Projektion, Mio.)
- 2020: 47.4 Mio.
- 2035: 40.2 Mio.
- 2060: 31.4 Mio.
Laut Prognose des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) wächst das Erwerbspersonenpotenzial 2025 noch leicht und sinkt 2026 erstmals demografiebedingt. Anders als die konjunkturabhängige Fachkräftelücke ist dieser Rückgang langfristig angelegt — durch höhere Erwerbsbeteiligung und Zuwanderung abfederbar, aber in der Grundtendenz nicht aufzuhalten.
Zuwanderung: Notwendigkeit und Grenzen
Selbst wenn man alle inländischen Potenziale hebt, reicht das rechnerisch nicht aus, um die demografische Lücke zu schließen. Die Bertelsmann Stiftung beziffert den nötigen jährlichen Zustrom auf 288.000 bis 368.000 Arbeitskräfte bis 2040. Tatsächlich lag die Nettozuwanderung 2024 bei rund 430.000 Personen — nach einem Ausnahmejahr 2023 (663.000) deutlich rückläufig, aber weiterhin im benötigten Bereich.
- Ohne Zuwanderung würde die Beschäftigung längst schrumpfen: Von 2015 bis 2024 stieg die Zahl der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten um 4,0 Millionen — davon entfielen 2,7 Millionen auf ausländische und nur 1,3 Millionen auf deutsche Beschäftigte. In der Pflege wird das Beschäftigungswachstum inzwischen ausschließlich von ausländischen Kräften getragen.
Hinweis: Fachkräfteeinwanderungsgesetz: Inkrafttreten in Stufen
- Nov 2023: Stufe 1: Blaue Karte EU, niedrigere Gehaltsschwellen
- März 2024: Stufe 2: Erfahrungssäule und Anerkennungspartnerschaft
- Juni 2024: Stufe 3: Chancenkarte mit Punktesystem (mind. 6 Punkte; Westbalkan-Kontingent auf 50.000 verdoppelt)
Zuwanderung ist also notwendig, aber kein Selbstläufer. Die Anerkennung ausländischer Abschlüsse wächst zwar (2024: 79.100 positive Bescheide, +21 %), bleibt aber durch föderale Zuständigkeiten und lange Verfahren ein Nadelöhr. Ende 2023 hatten rund 419.000 Menschen aus Nicht-EU-Staaten einen Aufenthaltstitel zur Erwerbstätigkeit. Entscheidend ist, dass die mitgebrachten Qualifikationen zu den Engpässen passen — sonst entsteht Zuwanderung in Arbeitslosigkeit statt in Mangelberufe.