Der Anspruch ist breit — Deutschland hat eine der umfassendsten Pflichtabsicherungen weltweit, niemand bleibt formal ohne Versorgung. In der Praxis gibt es aber spürbare Lücken: Viele gesetzlich Versicherte berichten über lange Wartezeiten auf Facharzttermine, hinzu kommen Engpässe in Pflege und psychischer Versorgung sowie deutliche Unterschiede zwischen Stadt und Land.
Was hinter der Parole steckt: Die Aussage verwechselt den rechtlichen Anspruch mit der tatsächlichen Versorgung. Auf dem Papier ist jeder abgesichert — aber ein Anspruch nützt wenig, wenn der Facharzttermin Monate entfernt ist, der Therapieplatz fehlt oder im Landkreis kein Hausarzt mehr praktiziert. ‚Jeder‘ überdeckt zudem die realen Unterschiede zwischen Stadt und Land sowie GKV und PKV.
Am Tisch nützlich – Gegenfragen:
- „Meinst du ‚jeder hat Anspruch‘ oder ‚jeder bekommt es auch rechtzeitig‘?"
- „Wie lange müsstest du in deiner Region auf einen Psychotherapieplatz oder Facharzttermin warten?"
- „Gilt das auch für jemanden auf dem Land, dessen letzter Hausarzt gerade in Rente gegangen ist?"
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Fakten dazu
Zwei-Klassen-Medizin: GKV vs. PKV
Ungleichheiten zeigen sich besonders bei Facharztterminen. Für viele gesetzlich Versicherte bleiben Wartezeiten und Terminvergabe ein spürbares Problem.
- Zu lange Facharzt-Wartezeit: 30 % (GKV-Versicherte empfinden ihre Wartezeit als zu lang (Selbstauskunft))
- Mehr als 30 Tage: 25 % (GKV-Versicherte warten nach eigener Angabe länger als 30 Tage auf einen Facharzttermin)
- Versichertenstruktur: 74,5 / 8,79 Mio. (GKV-Versicherte bzw. PKV-Vollversicherte (2025); PKV-Anteil ~10,6 %)
- Viele gesetzlich Versicherte berichten von spürbaren Nachteilen bei Facharztterminen. Das stützt die Diagnose, dass der Zugang zur Versorgung nicht für alle gleich leicht ist.
Rund 88 % der Bevölkerung sind gesetzlich und etwa 11 % privat versichert. Unterschiede bei Terminvergabe und Zugangswegen prägen deshalb die Debatte über Zwei-Klassen-Medizin stark.
Psychische Gesundheit: Versorgungsnotstand
Die Versorgungslage in Psychotherapie und Psychiatrie bleibt angespannt. Das Zi meldet für das 1. Halbjahr 2025 erneut steigende Fallzahlen in diesem Bereich.
- Fallzahl-Zuwachs gesamt: +3,4 % (Psychotherapie und Psychiatrie, 1. Halbjahr 2025 vs. Vorjahr)
- Kinder- & Jugendpsychiatrie: +5,7 % (noch stärkerer Fallzahl-Anstieg im 1. Halbjahr 2025)
- Terminvermittlung: < 50 % (Suchanfragen 2024 fristgerecht über Terminservicestellen vermittelt)
- Auch Terminservicestellen lösen das Problem nur teilweise: 2024 wurde weniger als die Hälfte der eingegangenen Suchanfragen fristgerecht vermittelt.
Besonders Kinder und Jugendliche sind betroffen: Die Kinder- und Jugendpsychiatrie verzeichnet mit +5,7 % den stärksten Zuwachs aller Fachbereiche. Strukturelle Lösungen – mehr Studienplätze für Psychotherapie, kürzere Ausbildungswege – sind zwar beschlossen, greifen aber erst mittelfristig.