Psychische Erkrankungen sind medizinisch genauso real wie körperliche – das ist wissenschaftlicher Konsens. Ein Teil des statistischen Anstiegs erklärt sich durch breiteres Bewusstsein und erweiterte Diagnosekriterien; die zugrundeliegenden Erkrankungen sind dadurch aber nicht weniger behandlungsbedürftig. Im ersten Halbjahr 2025 stiegen die Fallzahlen in Psychotherapie und Psychiatrie weiter um 3,4 %, in der Kinder- und Jugendpsychiatrie sogar um 5,7 %. Die Versorgung hinkt dem Bedarf seit Jahren hinterher.
Was hinter der Parole steckt: Die Parole deutet einen Anstieg der Diagnosen kurzerhand in einen Beweis fürs Erfundensein um — als ob mehr Sichtbarkeit bedeutet, dass nichts dahintersteckt. Tatsächlich verwechselt sie zwei Dinge: Dass heute mehr erkannt und benannt wird, heißt nicht, dass die Erkrankung neu oder eingebildet ist. Dahinter steckt oft eine Abwertung von allem, was nicht körperlich sichtbar ist.
Am Tisch nützlich – Gegenfragen:
- „Woran würdest du festmachen, ob eine Erkrankung ‚echt' ist — und erfüllt eine diagnostizierte Depression diese Kriterien?"
- „Wenn mehr Menschen eine Diagnose bekommen: Liegt das daran, dass es die Krankheit vorher nicht gab, oder dass man sie früher übersah?"
- „Was unterscheidet für dich einen Beinbruch von einer Angststörung, wenn beides messbar behandlungsbedürftig ist?"
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