Der Punkt hat einen berechtigten Kern: Beim neuen Wehrdienst ab 2026 ist das Ausfüllen des Erfassungs-Fragebogens nur für Männer verpflichtend, für Frauen freiwillig — das ist eine echte Ungleichbehandlung. Sie steht aber so im Grundgesetz (Art. 12a), das eine Dienstpflicht bislang nur für Männer vorsieht; eine Änderung bräuchte eine Zwei-Drittel-Mehrheit und ist Gegenstand der laufenden Debatte, nicht von Frauen ‚blockiert‘. Vor allem aber verschiebt die Parole das Thema: Aus ‚Frauen werden bei Lohn, Rente und Sicherheit benachteiligt‘ wird ‚aber beim Wehrdienst haben sie es leichter‘. Beides kann man angehen — die eine Ungleichheit hebt die andere nicht auf. Wer eine Gesamtbilanz der Pflichten aufmacht, sollte zudem fair bilanzieren: Unbezahlte Pflege- und Sorgearbeit ist rechtlich keine Pflicht, wird aber überproportional von Frauen geleistet und taucht in dieser Rechnung meist gar nicht auf.
Was hinter der Parole steckt: Die Parole ist ein Whataboutism: Sie kontert belegte Benachteiligungen mit einem einzelnen Bereich, in dem Männer formal schlechter gestellt sind, und tut so, als sei damit die Gesamtbilanz ausgeglichen. Zugleich unterstellt sie als Motiv, Frauen verweigerten sich den Pflichten — obwohl die Asymmetrie aus dem Grundgesetz folgt und nicht von Frauen beschlossen wurde.
Am Tisch nützlich – Gegenfragen:
- „Die Ungleichbehandlung beim Wehrdienst steht im Grundgesetz — wer genau hindert die Politik daran, das zu ändern?"
- „Hebt eine Benachteiligung von Männern beim Wehrdienst die Lohn-, Renten- und Gewaltzahlen bei Frauen auf?"
- „Wenn es dir um gleiche Pflichten geht — zählt die überwiegend von Frauen geleistete Pflege- und Sorgearbeit für dich auch als Dienst an der Gesellschaft?"
Stichworte: Wehrpflicht, Wehrdienst, Bundeswehr, Pflichten, Musterung, Gleichberechtigung
Fakten dazu
Unbezahlte Care-Arbeit & Child Penalty
Der Gender Care Gap zeigt den Unterschied in der Zeitverwendung für unbezahlte Sorgearbeit (Kinderbetreuung, Pflege, Haushalt). Frauen leisten in Deutschland deutlich mehr unbezahlte Arbeit als Männer — mit weitreichenden Folgen für Einkommen, Karriere und Rente.
- Gender Care Gap: 43,4 % (Frauen leisten deutlich mehr unbezahlte Arbeit)
- Tägliche Differenz: +76 Min. (Mehrarbeit von Frauen pro Tag)
- Teilzeitquote Frauen: 47,4 % (der erwerbstätigen Frauen (15–64) in Teilzeit)
- Teilzeitquote Männer: 12,7 % (der erwerbstätigen Männer (15–64) in Teilzeit)
Hinweis: Unbezahlte Arbeit pro Woche (in Stunden)
- Frauen: 29 h
- Männer: 20 h
Hinweis: Gesamtarbeitszeit pro Woche (bezahlt + unbezahlt)
- Frauen
- Bezahlte Erwerbsarbeit: 16:33 h
- Unbezahlte Arbeit: 29:00 h
- Gesamt: 45:33 h
- Männer
- Bezahlte Erwerbsarbeit: 24:23 h
- Unbezahlte Arbeit: 20:00 h
- Gesamt: 44:23 h
Hinweis: Erwerbstätigkeit von Eltern mit Kindern
- Mütter
- Teilzeitquote: 66–67 %
- Vollzeitquote (Schulkinder): 37,1 %
- Väter
- Teilzeitquote: 9 %
- Vollzeitquote (Schulkinder): 93,0 %
- Laut ZEW verdienen Mütter im vierten Jahr nach der ersten Geburt durchschnittlich fast 30.000 Euro weniger als vergleichbare Frauen ohne Kinder. Dieser 'Child Penalty' wirkt langfristig auf Karriere, Vermögen und Rente. Bei Vätern gibt es keinen vergleichbaren Effekt. Zwei Drittel der erwerbstätigen Mütter arbeiten in Teilzeit — bei Vätern sind es nur 9 %.