Wird Deutschland immer unsicherer? Antworten zu Kriminalitätstrend, Messerangriffen, No-go-Areas, Polizei und Videoüberwachung — Quellen BKA, Destatis und DIW.
Fakten
Kriminalität im Langzeittrend
Das Gefühl, Deutschland werde ‚immer unsicherer‘, hält dem Langzeitvergleich nicht stand. Die Polizeiliche Kriminalstatistik (PKS) des BKA erfasst seit Jahrzehnten alle polizeilich bekannt gewordenen Straftaten. 2025 wurden 5.508.559 Straftaten registriert — ein weiteres Minus von 5,6 % gegenüber 2024 und damit der zweite Rückgang in Folge, deutlich unter dem Höchststand der 1990er Jahre. Gemessen an der Häufigkeitszahl (Straftaten pro 100.000 Einwohner) lag bereits das Niveau von 2024 klar unter dem von 1993 oder 2004.
Hinweis: Häufigkeitszahl: erfasste Straftaten pro 100.000 Einwohner
- 1993: 8337 pro 100.000 EW
- 2004: 8037 pro 100.000 EW
- 2014: 7530 pro 100.000 EW
- 2019: 6548 pro 100.000 EW
- 2021: 6070 pro 100.000 EW
- 2022: 6762 pro 100.000 EW
- 2023: 7042 pro 100.000 EW
- 2024: 6894 pro 100.000 EW
Straftaten insgesamt im Langzeitvergleich (barrierefreie Datenansicht)
| Jahr | Erfasste Fälle | Häufigkeitszahl |
|---|
| 1993 | 6.750.613 | 8.337 |
| 2004 | 6.633.156 | 8.037 |
| 2019 | 5.436.401 | 6.548 |
| 2021 (Corona-Tief) | 5.047.860 | 6.070 |
| 2023 | 5.940.667 | 7.042 |
| 2024 | 5.837.445 | 6.894 |
- Der absolute Höchststand der Kriminalität im wiedervereinigten Deutschland war 1993 mit 6,75 Mio. Straftaten — nicht heute. Das Niveau 2021 war durch Corona-Maßnahmen besonders niedrig, der Anstieg 2022/2023 ist teils ein Nachholeffekt. 2024 und 2025 sanken die Zahlen zwei Jahre in Folge, zuletzt auf 5,51 Mio. Straftaten.
Gewaltkriminalität & Messerangriffe
Ein wichtiger Wahrheitskern: Die Gewaltkriminalität war über Jahre real gestiegen und erreichte 2024 mit 217.277 Fällen den höchsten Stand seit Einführung der Kategorie 2007 (+1,5 % gegenüber 2023). 2025 kehrte sich dieser Trend erstmals seit 2021 um: Die Gewaltkriminalität sank auf 212.335 Fälle (−2,3 %). Sie macht damit weiterhin rechnerisch nur rund 3,9 % aller 5,51 Mio. Straftaten 2025 aus — ernst zu nehmen, aber ein kleiner Teilbereich des Gesamtgeschehens, der sich zuletzt sogar leicht entspannt hat.
- Gewaltdelikte 2025: 212.335 (−2,3 %, erster Rückgang seit 2021)
- Messerangriffe 2025: 29.243 (+0,8 % — nahezu unverändert zu 2024)
Hinweis: Anteil der Gewaltkriminalität an allen Straftaten (PKS 2025)
- 4 von 100: Straftaten 2025 waren Gewaltdelikte — der weit überwiegende Rest sind Eigentums- und Vermögensdelikte.
Ausgewählte Gewaltdelikte 2023 vs. 2024
| Delikt | 2023 | 2024 | Veränderung |
|---|
| Gewaltkriminalität gesamt | 214.099 | 217.277 | +1,5 % |
| Gefährliche/schwere Körperverletzung | 154.541 | 158.177 | +2,4 % |
| Raub | 44.857 | 43.194 | −3,7 % |
| Gef./schw. KV mit Messer | 8.951 | 9.620 | +7,5 % |
- Das Bild ist nicht durchgängig ‚immer mehr Gewalt‘: Raubdelikte gingen 2024 um 3,7 % zurück. Bei den Messerangriffen zeigt sich 2025 ein gemischtes Bild: Die Gesamtzahl blieb mit 29.243 Fällen nahezu stabil (+0,8 %), während die Messerangriffe im engeren Kontext der Gewaltkriminalität auf 14.787 Fälle sanken (−6,1 %) — ein Hinweis darauf, dass sich auch dieser Teilbereich zuletzt eher entspannt als verschärft hat.
Sicherheitsgefühl vs. reale Lage
Sicherheitsgefühl und tatsächliche Betroffenheit klaffen auseinander. Laut der BKA-Dunkelfeldstudie ‚Sicherheit und Kriminalität in Deutschland‘ (SKiD 2024) ist die Kriminalitätsfurcht zwischen 2020 und 2024 bei fast allen Delikten gestiegen — am stärksten bei Internetbetrug, Körperverletzung und sexueller Belästigung. Die tatsächliche Opferwerdung liegt bei den meisten Gewaltdelikten dagegen niedrig: 2023 wurden 2,6 % der Befragten Opfer einer Körperverletzung.
- fühlen sich tagsüber sicher: 88,7 % (auf öffentlichen Straßen und Plätzen)
- Opfer einer Körperverletzung: 2,6 % (tatsächliche Betroffenheit 2023)
- weichen nachts Fremden aus: 41,7 % (verbreitetes Vermeideverhalten)
Hinweis: Anteil mit großen Sorgen über Kriminalität (Sozio-oekonomisches Panel, SOEP)
- 2000: 54 % der Befragten
- 2013: 31 % der Befragten
- 2016: 47 % der Befragten
- 2023: 38 % der Befragten
- Die Sorge vor Kriminalität schwankt stark mit der allgemeinen Stimmungslage, nicht mit der realen Kriminalitätsentwicklung: 2013 war sie auf einem Tiefpunkt (31 %), 2016 sprang sie auf 47 %. Gefühlte und tatsächliche Sicherheit sind zwei verschiedene Dinge.
Aufklärungsquote & Polizeipräsenz
Zwei verbreitete Behauptungen — ‚die Polizei ist kaputtgespart‘ und ‚die Aufklärungsquote ist im Keller‘ — halten den Zahlen nicht stand. Die Aufklärungsquote ist seit Jahren stabil: 2024 lag sie bei 58,0 %, 2025 bei 57,9 %. Und die Polizei wurde personell aufgestockt, nicht abgebaut.
- Aufklärungsquote 2024: 58,0 % (2025: 57,9 % — stabil)
- Vollzeitäquivalente Polizei: 342.500 (Bund und Länder, Stand 30.06.2024)
- Straftaten 2025: 5,51 Mio. (−5,6 % — zweiter Rückgang in Folge)
- Zum 30.06.2024 zählten Bund und Länder rund 342.500 Vollzeitäquivalente bei der Polizei, davon etwa 294.000 Beamtinnen und Beamte. Bereits 2017 verzeichnete die Polizei mit rund 319.400 Beschäftigten den größten Personalzuwachs seit über 20 Jahren. Der Personalstand ist seit 2017 also gestiegen, nicht gesunken. Davon zu trennen sind Debatten über Arbeitsbelastung, Bürokratie und Ausstattung.
Die Aufklärungsquote schwankt stark nach Delikt: Bei Tötungs- und Gewaltdelikten ist sie hoch, weil Opfer und Täter sich oft kennen; bei Fahrraddiebstahl oder Wohnungseinbruch ist sie deutlich niedriger, weil Täter selten auf frischer Tat gefasst werden. Die stabile Gesamtquote um 58 % ist damit ein Mittelwert über sehr unterschiedliche Deliktarten.
‚No-go-Areas‘ & kriminalitätsbelastete Orte
Der Begriff ‚No-go-Area‘ im Sinne rechtsfreier Räume ist in der deutschen Sicherheitsdebatte fest verankert — trifft aber nicht, was Polizei und Behörden tatsächlich beobachten. Anerkannt werden Problemlagen an einzelnen Orten; diese führt die Polizei als ‚Angsträume‘ oder ‚kriminalitätsbelastete Orte‘.
- Behauptung: ‚No-go-Areas‘ sind rechtsfreie Räume, in die sich Polizei und Staat nicht mehr trauen.
Faktencheck: Polizei und Innenbehörden weisen den Begriff seit Jahrzehnten zurück: Bereits 1998 stellte ein Brandenburger Polizeiführer klar, es gebe keine ‚rechtsfreien Räume, wo das staatliche Gewaltmonopol nicht greift‘; Berlins Innensenator betonte 2004, es gebe ‚nirgendwo in Berlin No-go-Areas‘.
- Behauptung: An Problemorten wie dem Kottbusser Tor hat sich der Staat zurückgezogen.
Faktencheck: Das Gegenteil ist der Fall: An den polizeilich als ‚kriminalitätsbelastete Orte‘ geführten Plätzen (in Berlin aktuell sieben, u. a. Alexanderplatz, Görlitzer Park, Kottbusser Tor) gelten erweiterte Befugnisse — verdachtsunabhängige Identitätskontrollen, Durchsuchungen und Videoüberwachung schon im Vorfeld einer konkreten Gefahr, auf Grundlage des Berliner ASOG.
Videoüberwachung & Prävention — was wirkt?
Mehr Videoüberwachung ist eine zentrale Forderung in der Sicherheitsdebatte. Die Forschung zeichnet ein differenziertes Bild: Videoüberwachung wirkt vor allem dort, wo Taten planbar sind und in abgegrenzten Räumen stattfinden — kaum dagegen bei spontaner Gewalt im Affekt. Eine internationale Meta-Analyse (Welsh & Farrington) findet einen ‚moderaten, aber signifikanten‘ Gesamteffekt, getragen vor allem von Parkhäusern.
Hinweis: Wo Videoüberwachung wirkt — und wo kaum
- Eher wirksam
- Kfz-Diebstahl in Parkhäusern: deutlicher Rückgang (über 40 %)
- Planbare Eigentumsdelikte: messbar reduziert
- Kaum wirksam
- Gewaltkriminalität: kein nachweisbarer Effekt
- Taschendiebstahl: nur 2–4 % weniger
- Praxisbeispiele bestätigen die Vorsicht: Der Videotest in der Berliner U-Bahn (2006/07) brachte keinen Sicherheitsgewinn — von tausenden Delikten lag nur in 78 Fällen verwertbares Material vor. In Mannheim stieg durch KI-gestützte Überwachung bislang nur das subjektive Sicherheitsgefühl (von 51 % auf 58 %); eine belastbare Bewertung der objektiven Wirkung steht erst 2027 an. Kameras können Polizeiarbeit ergänzen, aber nicht ersetzen.
Regionaler Vergleich: Stadt, Land, Ost & West
Wo ist es am unsichersten? Die Kriminalitätshäufigkeit unterscheidet sich stark nach Region — aber anders, als es manche Wahlkampferzählung nahelegt. Die höchsten Häufigkeitszahlen haben durchweg die Stadtstaaten Bremen, Berlin und Hamburg, nicht der Osten. Großstädte haben strukturell höhere Werte: Pendler, Tourismus und eine andere Deliktstruktur treiben die Statistik. Ein fairer Vergleich stellt Großstadt gegen Großstadt, nicht Großstadt gegen Flächenland. Hinweis zur Vergleichbarkeit: Die Länderzahlen beruhen auf der aktuellen Bevölkerungsbasis (Zensus 2022); die bundesweite Häufigkeitszahl liegt dadurch bei 6.995 statt der 6.894 aus der älteren Langzeitreihe (Zensus 2011).
Hinweis: Straftaten je 100.000 Einwohner nach Bundesland (PKS 2024, Basis Zensus 2022)
- Bremen: 14998 pro 100.000 EW
- Berlin: 14719 pro 100.000 EW
- Hamburg: 12147 pro 100.000 EW
- Sachsen-Anhalt: 8588 pro 100.000 EW
- Bund gesamt: 6995 pro 100.000 EW
- Meckl.-Vorp.: 6878 pro 100.000 EW
- Bayern: 4726 pro 100.000 EW
- Kein pauschaler Ost-West-Graben: Unter den Flächenländern liegt nur Sachsen-Anhalt (8.588) klar über dem Bundesschnitt (6.995). Mecklenburg-Vorpommern liegt mit 6.878 sogar darunter, ebenso wie die sichersten Länder Bayern (4.726) und Baden-Württemberg (5.230). Die Spannweite innerhalb Westdeutschlands ist größer als der Unterschied zwischen Ost und West.
- Und die Entwicklung zeigt nicht überall nach oben: 2024 gingen die Fallzahlen in Mecklenburg-Vorpommern (−2,7 %) und Sachsen-Anhalt (−5,0 %) zurück, in Berlin blieben sie nahezu stabil (+0,4 %).
Was die Kriminalstatistik zeigt — und was nicht
Die Polizeiliche Kriminalstatistik (PKS) misst nicht die tatsächliche Kriminalität (das sogenannte Dunkelfeld), sondern nur das polizeilich bekannt gewordene Hellfeld — und sie zählt Tatverdächtige, keine rechtskräftig verurteilten Täter. Wie viele Fälle ins Hellfeld gelangen, hängt auch vom Anzeigeverhalten der Bevölkerung und von der Kontrollintensität der Polizei ab: Wo mehr kontrolliert wird, wird auch mehr entdeckt.
- Kontrolliert — als ausländisch wahrgenommen: 8,3 % (im öffentlichen Raum, SVR-Umfrage 2023)
- Kontrolliert — ‚weiße Norm‘: 4,4 % (gleicher Zeitraum, gleiche Umfrage)
- Die Studienautoren warnen selbst vor einer zu einfachen Erklärung: Neben Racial Profiling lässt sich auch die Lage vieler Kontrollen in sozial benachteiligten Vierteln mit hohem Zuwandereranteil statistisch nicht vollständig herausrechnen. Kontrollintensität ist zudem nur einer von mehreren Faktoren, die das Hellfeld prägen — sie verzerrt vor allem sogenannte Kontrolldelikte wie Drogendelikte, während die meisten anderen Straftaten über Anzeigen der Bevölkerung erfasst werden.