Die Nostalgie täuscht: In den 1990ern wurden pro Kopf mehr Straftaten erfasst als heute — 1993 lag die Häufigkeitszahl bei 8.337 pro 100.000 Einwohner, 2024 bei rund 6.894. Objektiv war es ‚früher‘ also nicht sicherer, eher im Gegenteil. Die Kriminalitätsfurcht folgt zudem oft der Stimmungslage, nicht der realen Lage: 2013 war die Sorge vor Kriminalität auf einem Tiefpunkt, 2016 sprang sie deutlich nach oben — bei real kaum veränderter Lage.
Was hinter der Parole steckt: Die verklärte Rückschau idealisiert eine Vergangenheit, die statistisch unsicherer war. Das Gedächtnis blendet frühere Kriminalität aus und kontrastiert sie mit heutigen Schlagzeilen — ein klassischer ‚früher war alles besser‘-Effekt, der sich an den Zahlen nicht belegen lässt.
Am Tisch nützlich – Gegenfragen:
- „Welches ‚früher‘ meinst du genau — die 1990er, die 2000er?"
- „Würde es deine Einschätzung ändern, wenn pro Kopf damals mehr Straftaten passiert sind als heute?"
- „Könnte es sein, dass nicht die Lage, sondern die Berichterstattung sich verändert hat?"
Stichworte: früher, nachts, Angst, war besser, Sicherheit, Nostalgie
Fakten dazu
Kriminalität im Langzeittrend
Das Gefühl, Deutschland werde ‚immer unsicherer‘, hält dem Langzeitvergleich nicht stand. Die Polizeiliche Kriminalstatistik (PKS) des BKA erfasst seit Jahrzehnten alle polizeilich bekannt gewordenen Straftaten. 2024 wurden 5.837.445 Straftaten registriert — rund 1,7 % weniger als 2023 und deutlich unter dem Höchststand der 1990er Jahre. Gemessen an der Häufigkeitszahl (Straftaten pro 100.000 Einwohner) liegt das heutige Niveau klar unter dem von 1993 oder 2004.
Hinweis: Häufigkeitszahl: erfasste Straftaten pro 100.000 Einwohner
- 1993: 8337 pro 100.000 EW
- 2004: 8037 pro 100.000 EW
- 2014: 7530 pro 100.000 EW
- 2019: 6548 pro 100.000 EW
- 2021: 6070 pro 100.000 EW
- 2022: 6762 pro 100.000 EW
- 2023: 7042 pro 100.000 EW
- 2024: 6894 pro 100.000 EW
Straftaten insgesamt im Langzeitvergleich (barrierefreie Datenansicht)
| Jahr | Erfasste Fälle | Häufigkeitszahl |
|---|
| 1993 | 6.750.613 | 8.337 |
| 2004 | 6.633.156 | 8.037 |
| 2019 | 5.436.401 | 6.548 |
| 2021 (Corona-Tief) | 5.047.860 | 6.070 |
| 2023 | 5.940.667 | 7.042 |
| 2024 | 5.837.445 | 6.894 |
- Der absolute Höchststand der Kriminalität im wiedervereinigten Deutschland war 1993 mit 6,75 Mio. Straftaten — nicht heute. Das Niveau 2021 war durch Corona-Maßnahmen besonders niedrig, der Anstieg 2022/2023 ist teils ein Nachholeffekt. 2024 sanken die Zahlen wieder.
Sicherheitsgefühl vs. reale Lage
Sicherheitsgefühl und tatsächliche Betroffenheit klaffen auseinander. Laut der BKA-Dunkelfeldstudie ‚Sicherheit und Kriminalität in Deutschland‘ (SKiD 2024) ist die Kriminalitätsfurcht zwischen 2020 und 2024 bei fast allen Delikten gestiegen — am stärksten bei Internetbetrug, Körperverletzung und sexueller Belästigung. Die tatsächliche Opferwerdung liegt bei den meisten Gewaltdelikten dagegen niedrig: 2023 wurden 2,6 % der Befragten Opfer einer Körperverletzung.
- fühlen sich tagsüber sicher: 88,7 % (auf öffentlichen Straßen und Plätzen)
- Opfer einer Körperverletzung: 2,6 % (tatsächliche Betroffenheit 2023)
- weichen nachts Fremden aus: 41,7 % (verbreitetes Vermeideverhalten)
Hinweis: Anteil mit großen Sorgen über Kriminalität (Sozio-oekonomisches Panel, SOEP)
- 2000: 54 % der Befragten
- 2013: 31 % der Befragten
- 2016: 47 % der Befragten
- 2023: 38 % der Befragten
- Die Sorge vor Kriminalität schwankt stark mit der allgemeinen Stimmungslage, nicht mit der realen Kriminalitätsentwicklung: 2013 war sie auf einem Tiefpunkt (31 %), 2016 sprang sie auf 47 %. Gefühlte und tatsächliche Sicherheit sind zwei verschiedene Dinge.