Dafür gibt es Belege, aber keine Gewissheit. Im Schnitt verlieren Anti-Establishment-Parteien nach einer Regierungsbeteiligung stärker als andere Regierungsparteien, und die FPÖ fiel nach ihrem Regierungseintritt von 26,9 % (1999) auf 10,0 % (2002). Sie erholte sich aber und wurde 2024 mit 28,8 % stärkste Kraft. Die Fratelli d'Italia legten als Regierungspartei bei der Europawahl 2024 sogar zu. Zudem mäßigen sich solche Parteien in der Regierung inhaltlich kaum. Ob ‚Entzauberung‘ Stimmenverlust oder inhaltliche Mäßigung meint, macht deshalb einen Unterschied.
Was hinter der Parole steckt: Die Aussage macht aus einem durchschnittlichen Trend eine sichere Prognose. Sie blendet aus, dass Verluste oft vorübergehend sind und dass sich solche Parteien in der Regierung inhaltlich kaum mäßigen.
Am Tisch nützlich – Gegenfragen:
- „Wie erklärst du dir, dass die FPÖ nach ihren Verlusten wieder stärkste Kraft wurde?"
- „Woran würdest du eine ‚Entzauberung‘ erkennen — am nächsten Wahlergebnis oder an der Politik, die in der Regierungszeit gemacht wird?"
Stichworte: entzaubern, regieren lassen, Regierungsverantwortung, FPÖ, Österreich, Meloni
Fakten dazu
Brandmauer oder Einbindung: was die Forschung zeigt
Wie etablierte Parteien mit radikal rechten Parteien umgehen sollen, ist eine politische Abwägung. Die Politikwissenschaft kann aber prüfen, welche Folgen Ausgrenzung, Übernahme von Positionen oder Regierungsbeteiligung bisher hatten. Das Bild ist uneinheitlich: Es gibt keine Strategie, die nachweislich immer wirkt.
Ausgewählte Studien und ihre Kernbefunde
| Studie | Untersucht | Befund |
|---|
| Schuster u. a. 2026 | Merz-Abstimmungen mit AfD-Stimmen, Januar 2025 (natürliches Experiment) | Keine messbaren kurzfristigen Effekte — weder Bestrafung der Union noch Normalisierung der AfD |
| Fahey & Alarian 2025 | Experiment: Union als Brandmauer-Wahrerin oder -Brecherin | Keine Wirkung auf Parteibewertung, Wahlabsicht oder Migrationseinstellungen |
| Daur 2025 | Experimente in Deutschland und Schweden | Legitimierung durch etablierte Parteien erhöht Akzeptanz der ausgegrenzten Partei; spätere Abgrenzung wirkt kaum |
| van Spanje & Weber 2019 | Ausgrenzung, Vergleich und Experiment (Niederlande) | Zweischneidig: senkt Unterstützung bei Regierungsaussicht, kann sie als Protestsignal erhöhen |
| van Spanje & de Graaf 2018 | 296 Wahlergebnisse in Westeuropa | Übernahme von Positionen schwächt Herausforderer nur, wenn sie zugleich ausgegrenzt sind |
| Krause, Cohen & Abou-Chadi 2023 | Migrationspositionen etablierter Parteien in 12 Ländern | Anpassung an radikal rechte Positionen schwächt diese Parteien nicht |
| van Spanje 2011 | Regierungsbeteiligung von Anti-Establishment-Parteien | Sie verlieren nach dem Regieren im Schnitt stärker als andere Regierungsparteien |
Hinweis: FPÖ bei Nationalratswahlen in Österreich vor und nach ihren Regierungsbeteiligungen
- 1999: 26.9 %
- 2002: 10 %
- 2006: 11 %
- 2017: 26 %
- 2019: 16.2 %
- 2024: 28.8 %
Die Befunde zur Regierungsbeteiligung sind ebenfalls gemischt: Die FPÖ verlor nach beiden Regierungseintritten deutlich, wurde 2024 aber stärkste Kraft. Die Wahlergebnisse allein zeigen nicht, ob die Verluste auf das Regieren selbst oder auf andere Ereignisse zurückgehen. Die Fratelli d'Italia legten als Regierungspartei bei der Europawahl 2024 auf 28,75 % zu. Zudem mäßigen sich radikal rechte Parteien in Regierungsverantwortung inhaltlich kaum, während auch ausgegrenzte Parteien sich nicht mäßigen.