Geht die Schere auseinander? Bringt Umverteilung nichts? Zahlen Reiche genug? Fakten zu Armut, sozialem Aufstieg, Abgabenlast, Trickle-down und Überreichtum – mit Quellen von DIW, OECD, Destatis und Oxfam.
Fakten
Die Schere: Einkommen und Vermögen im Zeitverlauf
Ob die Ungleichheit ‚immer weiter' auseinandergeht, lohnt eine Differenzierung: Bei den Einkommen ist die Ungleichheit seit den 1990ern gestiegen, allerdings schubweise und mit Phasen der Stagnation. Bei den Vermögen ist die Konzentration deutlich höher und wächst dynamischer als die Wirtschaft.
- Oberstes Zehntel: +35 % (verfügbares Realeinkommen 1991–2016)
- Unterstes Zehntel: stagniert (real eher gesunken im selben Zeitraum)
- Einkommensanteil oben: 23,3 % (des obersten Zehntels (2016, 1991: 20,5 %))
Hinweis: Gini-Koeffizient der verfügbaren Haushaltseinkommen (SOEP)
- 1999: 0.25
- 2005: 0.29
- 2009: 0.28
- 2016: 0.3
Hinweis: Vermögen der 100 reichsten Deutschen (Mrd. €)
- 2001: 263 Mrd. €
- 2024: 758 Mrd. €
- Während sich das Vermögen der 100 reichsten Deutschen seit 2001 fast verdreifacht hat (von 263 auf 758 Mrd. €), hat sich das Bruttoinlandsprodukt nur etwa verdoppelt. Die Konzentration an der Spitze wächst also schneller als die Wirtschaft.
Armut in einem reichen Land
In Deutschland geht es um relative Armut: Als armutsgefährdet gilt, wer über weniger als 60 % des mittleren Einkommens verfügt. Das bedeutet selten existenzielle Not, aber eingeschränkte gesellschaftliche Teilhabe.
- Bevölkerung: 15,5 % (armutsgefährdet 2024 (~13,1 Mio.))
- Kinder/Jugendliche: 15,2 % (2024 (2023: 14,0 %))
- Schwelle: 1.381 € (netto/Monat, Alleinlebende 2024)
- EU-Schnitt: 19,3 % (Deutschland liegt darunter)
Hinweis: Kinderarmut in Deutschland (2024)
- 1 von 7: Kindern und Jugendlichen ist armutsgefährdet — eine Quote von 15,2 % (Destatis: ‚gut jedes siebte Kind').
- Armut ist stark von der Herkunft geprägt: Kinder aus Haushalten mit niedrigem Bildungsabschluss der Eltern sind zu 41,8 % armutsgefährdet, bei akademischem Elternhaus sind es 7,2 %. Mit Einwanderungsgeschichte liegt die Quote bei 31,9 %, ohne bei 7,7 %.
Sozialer Aufstieg: Wie durchlässig ist Deutschland?
Der Glaube ‚wer sich anstrengt, schafft es' trifft auf eine vergleichsweise geringe soziale Durchlässigkeit. Die OECD misst, wie lange es dauert, bis Nachkommen einkommensarmer Familien das Durchschnittseinkommen erreichen.
Hinweis: Generationen bis zum Durchschnittseinkommen (Aufstieg aus einkommensarmer Familie)
- Dänemark: 2 Generationen
- OECD-Ø: 4.5 Generationen
- Deutschland: 6 Generationen
- In Deutschland dauert der Aufstieg aus dem unteren Einkommensbereich im Schnitt rund sechs Generationen — gegenüber 4,5 im OECD-Schnitt und 2 in Dänemark. Die Bildungsmobilität ist seit den 1970er-Jahren eher gesunken; die Herkunft prägt Bildungserfolg und Einkommen wieder stärker.
Wer finanziert den Staat? Die Verteilung der Abgabenlast
Die Einkommensteuer ist stark progressiv und wird vor allem von höheren Einkommen getragen. Fast die Hälfte des Steueraufkommens stammt aber aus indirekten Steuern (vor allem Mehrwertsteuer), die untere Einkommen relativ stärker belasten.
Anteil indirekter Steuern am Bruttoeinkommen nach Einkommensgruppe
| Gruppe | Anteil an indirekten Steuern |
|---|
| Ärmste 10 % | 23 % des Bruttoeinkommens |
| Reichste 10 % | 7 % des Bruttoeinkommens |
Hinweis: Effektive Gesamtbelastung mit Steuern und Abgaben (Beispielrechnung)
- Durchschnittspaar
- Bruttoeinkommen: ~110.000 €
- Quelle des Einkommens: v. a. Arbeit
- Steuer- & Abgabenquote: 43 %
- Muster-Millionär
- Einkommen: ~1,6 Mio. €
- Quelle des Einkommens: v. a. Kapital
- Steuer- & Abgabenquote: 24 %
- Zählt man direkte Steuern, indirekte Steuern und Sozialabgaben zusammen, ist die Gesamtbelastung über die Einkommensgruppen ‚erstaunlich gleichmäßig' verteilt und wirkt nur leicht progressiv. Den Staat finanzieren also nicht allein die Spitzenverdiener.
Der Sozialstaat: Umfang und Zusammensetzung
Der Sozialstaat ist in absoluten Zahlen groß — die entscheidende Frage ist aber der Maßstab: Wie steht Deutschland international da, und wohin fließt das Geld?
- Sozialbudget 2024: 1.345 Mrd. € (31,2 % des BIP)
- OECD-Vergleich: Rang 7/18 (netto 26,7 % BIP — EU-Mittelfeld)
- Rente + Gesundheit: > 50 % (Renten- (29,1 %) + Krankenversicherung (23,2 %))
- OECD-vergleichbar berechnet liegt Deutschlands Sozialquote mit rund 26,7 % des BIP auf Rang 7 von 18 reichen Ländern — also im Mittelfeld, nicht an der Spitze. Der Großteil fließt in gesetzliche Renten- und Krankenversicherung (zusammen über die Hälfte), getrieben von Demografie und Gesundheitskosten — nicht in eine ‚soziale Hängematte'.
Was Umverteilung tatsächlich bewirkt
Die Wirkung von Steuern und Sozialtransfers zeigt sich erst im Vergleich: Wie hoch wären Ungleichheit und Armut ohne staatliche Umverteilung — und wie hoch sind sie danach?
- Armutsgefährdung: 24,1 % → 15,5 % (vor vs. nach Sozialtransfers (ohne Renten))
- Gini-Koeffizient: ~0,50 → ~0,29 (Markt- vs. verfügbares Einkommen)
- Armutssenkung: −35,7 % (durch Sozialtransfers (ohne Renten))
- Ohne Sozialtransfers läge die Armutsgefährdung bei rund 24 %; nach Transfers sinkt sie auf etwa 15,5 % — eine Reduktion um gut ein Drittel. Auch der Gini der Markteinkommen (~0,50) fällt durch Steuern und Transfers auf etwa 0,29. Umverteilung wirkt also messbar; diskutieren lässt sich über Effizienz, nicht über das Ob.
Trickle-down: Profitieren am Ende alle?
Die Trickle-down-These besagt, dass Wohlstand an der Spitze ‚nach unten durchsickert'. Die empirische Forschung dazu ist gemischt — am belastbarsten ist das Negativergebnis für Steuersenkungen zugunsten Reicher.
- LSE-Studie: 18 Länder (Steuerreformen 1965–2015 (Hope/Limberg))
- auf Wachstum/Jobs: kein Effekt (von Steuersenkungen für Reiche)
- messbare Folge: + Ungleichheit (kurz- und mittelfristig)
- Eine LSE-Studie über 18 Industrieländer findet, dass Steuersenkungen für Reiche die Ungleichheit erhöhen, Wachstum und Beschäftigung aber nicht messbar steigern. OECD und IWF sehen in hoher Ungleichheit eher einen Wachstumsdämpfer — dieser Zusammenhang ist allerdings methodisch umstritten (u. a. ifo-Kritik).
Hohe Einkommen und CO₂-Fußabdruck
Wer viel besitzt und konsumiert, verursacht in der Regel auch deutlich mehr Treibhausgase — über Konsum wie über Investitionen. Oxfam hat die globalen Emissionen nach Einkommensgruppen aufgeschlüsselt.
Hinweis: Anteil an den globalen CO₂-Emissionen (1990–2015)
- Reichste 10 %: 52 %
- Reichstes 1 %: 15 %
- Ärmere Hälfte: 7 %
- Die reichsten 10 % der Welt verantworten gut die Hälfte (52 %) der CO₂-Emissionen, das reichste 1 % allein 15 % — die ärmere Hälfte der Menschheit nur 7 %. Auch in Deutschland stießen die reichsten 10 % seit 1990 mehr CO₂ aus als die gesamte ärmere Hälfte der Bevölkerung zusammen.
Steuervermeidung, Steueroasen und die Steuerlücke
Zu trennen sind zwei Dinge: legale Steuergestaltung (etwa die niedrigere Besteuerung von Kapital gegenüber Arbeit) und illegale Steuerhinterziehung. Beides verringert das Steueraufkommen — aber in unterschiedlichem Maß und mit unterschiedlicher rechtlicher Bewertung.
- Cum-Ex: ≥ 10 Mrd. € (geschätzter Steuerschaden)
- Cum-Cum: ≥ 28 Mrd. € (Schätzung (Spengel))
- zurückgeholt: Bruchteil (bislang nur ein kleiner Teil)
- Illegale Konstrukte wie Cum-Ex (mindestens 10 Mrd. € Schaden) und Cum-Cum (zusammen über 35 Mrd. €) kosteten den Fiskus Milliarden, von denen bislang nur ein Bruchteil zurückgeholt wurde. Hinzu kommt legale Gestaltung: Ein Muster-Millionär zahlt anteilig rund 24 %, ein Durchschnittspaar 43 % — der effektive Satz an der Spitze liegt also niedriger als in der Mitte.
Philanthropie und Stiftungen: Geben Reiche zurück?
Stiftungen und Spenden tragen zum Gemeinwohl bei. Ob sie staatliche Umverteilung ersetzen können, ist eine Frage der Größenordnung — und der Steuersystematik, denn gemeinnützige Stiftungen sind steuerbegünstigt.
- Stiftungsausgaben: 6,8 Mrd. € (60 größte Stiftungen, 2024)
- Stiftungen: 26.349 (rechtsfähig, Ende 2024)
- gemeinnützig: 89 % (der rechtsfähigen Stiftungen)
- Die 60 größten Stiftungen gaben 2024 rund 6,8 Mrd. € für gemeinnützige Zwecke aus. Gemessen am Sozialbudget von 1.345 Mrd. € liegt das im Promillebereich. Philanthropie ergänzt den Sozialstaat also — sie ersetzt ihn nicht, zumal der Stifter den Zweck bestimmt und die Steuerbegünstigung teils zulasten öffentlicher Einnahmen geht.