Hätten AKW die Gaskrise gelöst? Sind SMRs realistisch? Antworten zu Atomausstieg, Strommix und Versorgungssicherheit — Quellen BNetzA und Fraunhofer.
Fakten
Der Atomausstieg – Wer hat entschieden?
Chronologie des Atomausstiegs
| Jahr | Ereignis | Verantwortlich |
|---|
| 2010 | Laufzeitverlängerung beschlossen („Ausstieg vom Ausstieg“) | CDU/CSU + FDP (Kabinett Merkel II) |
| 2011 | Endgültiger Ausstiegsbeschluss nach Fukushima | CDU/CSU + FDP (Kabinett Merkel II) |
| 2023 | Letzte 3 AKW vom Netz (Streckbetrieb bis 15.04.2023) | Ampel-Koalition (SPD/Grüne/FDP) |
- Der Atomausstieg war ein CDU-geführter, parteiübergreifender Konsens – kein grünes Alleingangsprojekt.
Energiebedarf: Was hätten AKW geändert?
- Primärenergieverbrauch 2025: ca. 2.931 TWh (10.553 PJ)
Primärenergieverbrauch nach Energieträger
| Energieträger | Anteil |
|---|
| Mineralöl | 35,7% |
| Erdgas | 26,9% |
| Erneuerbare Energien | 20,6% |
| Braunkohle | ~7% |
| Steinkohle | ~7% |
| Sonstige | ~2,8% |
AKW-Anteil am Primärenergieverbrauch
| Szenario | Erzeugung | Anteil am PEV |
|---|
| Letzte 3 AKW (2022/23) | ~33 TWh/a | 1,1% |
| Alle 6 AKW (Stand 2021) | ~69 TWh/a | 2,4% |
| Historischer AKW-Park (theoretisch) | ~150 TWh/a | nur wenige Prozent |
- Selbst der historische deutsche AKW-Park hätte nur wenige Prozent des Primärenergieverbrauchs gedeckt.
Die Gaskrise 2022 – Warum AKW nicht geholfen hätten
- Wärme + Industrie: ~80 % (Erdgasverbrauch)
- Stromerzeugung: ~20 % (Erdgasverbrauch)
- AKW erzeugen ausschließlich Strom. Sie ersetzen kein Gas in Gebäudeheizungen und Industrieöfen. Die Energiekrise 2022 war eine Gaskrise, keine Stromkrise.
Uranabhängigkeit: Souveränität?
- Kernenergie bleibt: importabhängig (bei Uran und Vorstufen)
- Konversion/Anreicherung: kritisch (teils über russisch geprägte Lieferketten)
- Abhängigkeiten: geopolitisch (werden nicht durch Atomkraft aufgehoben)
- Kernkraft ersetzt eine fossile Abhängigkeit nicht durch Souveränität, sondern bleibt auf internationale nukleare Lieferketten angewiesen.
Strommix 2025: Wo stehen wir heute?
- Erneuerbare: 55,3 % (am Stromverbrauch 2025)
- Kohle: Tiefstand (historisch niedrig)
- CO₂/kWh vs. 1990: -53 % (Stromsektor (UBA))
Hinweis: Entwicklung des Erneuerbaren-Anteils am Strommix
- 2010: 17 %
- 2015: 31.5 %
- 2020: 45.3 %
- 2023: 51.8 %
- 2024: 56 %
- 2025: 55.3 %
| Kennzahl | Wert |
|---|
| Erneuerbaren-Anteil am Stromverbrauch | 55,3 % |
| Kohleverstromung | historischer Tiefstand |
| CO₂-Emissionen Strom ggü. 1990 | ca. -53 % (spez. Faktor) |
| Spezifischer CO₂-Emissionsfaktor 2024 | 363 g CO₂/kWh |
- 2025 stammten 55,1 % des Bruttostromverbrauchs aus Erneuerbaren (BDEW/ZSW vorläufig); auf Basis der inländisch eingespeisten Stromerzeugung waren es 58,6 % (Destatis). Wind blieb mit 30,0 % wichtigste Quelle, Photovoltaik erreichte einen neuen Höchstwert von 16,0 %; Kohle fiel auf 22,1 %.
Stromgestehungskosten (LCOE) – Der Preisvergleich
Quelle: Lazard LCOE+ v18.0 (Juni 2025), unsubventioniert, US-Marktdaten in USD/MWh.
Hinweis: LCOE nach Technologie (USD/MWh, unsubventioniert)
- Solar (Utility-Scale): 38 bis 78 $/MWh
- Wind Onshore: 37 bis 86 $/MWh
- Gas Combined Cycle: 48 bis 109 $/MWh
- Wind Offshore: 74 bis 139 $/MWh
- Kohle: 69 bis 168 $/MWh
- Kernkraft Neubau: 141 bis 220 $/MWh
LCOE nach Technologie (USD/MWh, unsubventioniert)
| Technologie | LCOE (USD/MWh) | Anmerkung |
|---|
| Solar (Utility-Scale) | 38 - 78 | günstigste Neubauten im Lazard-Vergleich |
| Wind Onshore | 37 - 86 | klar unter Neubau-Kernkraft |
| Gas Combined Cycle | 48 - 109 | stark gaspreisabhängig |
| Wind Offshore | 74 - 139 | teurer als Onshore, aber unter Kernkraft möglich |
| Kohle | 69 - 168 | ohne externe Folgekosten |
| Kernkraft Neubau | 141 - 220 | teuerster großer Neubautyp im Vergleich |
Ergänzende LCOE-Werte
| Kategorie | LCOE | Quelle |
|---|
| Bestands-AKW (abbezahlt, Langzeitbetrieb) | < 40 USD/MWh | OECD/IEA-NEA 2020 |
| OECD-Modell „Nth-of-a-kind“ (3% Diskont) | 55 - 95 USD/MWh | OECD/IEA-NEA 2020 |
| Hinkley Point C (Strike Price Jan 2026) | ~127 GBP/MWh ≈ 15 Ct/kWh | inflationsindexiert, steigt weiter |
- Neubau-Kernkraft ist in aktuellen Kostenvergleichen deutlich teurer als Solar- und Windkraft.
Industriestrompreis 2026-2028
Die Bundesregierung hat im Koalitionsausschuss einen Industriestrompreis für die Jahre 2026 bis 2028 beschlossen. Die EU-Kommission hat die Beihilferegelung im April 2026 genehmigt. Energieintensive Unternehmen aus 91 förderfähigen Branchen (u. a. Chemie, Glas, Gummi- und Kunststoffwaren, Teile der Halbleiterherstellung) bekommen ihren Strompreis auf 50 €/MWh (5 ct/kWh) gedeckelt — maximal für die Hälfte ihres Jahresverbrauchs.
- Die Anträge werden 2027 rückwirkend für das gesamte Jahr 2026 gestellt; zuständig ist das Bundesamt für Wirtschaft und Ausfuhrkontrolle (BAFA). Politisch bleibt offen, ob der Industriestrompreis ab 2029 verlängert oder durch andere Instrumente abgelöst wird.
AKW-Neubau im Westen: Kein Projekt im Budget
Westliche AKW-Neubauprojekte
| Projekt | Land | Bauzeit | Startbudget | Heute |
|---|
| Hinkley Point C | GB | 2017 - 2030+ | 18 Mrd. GBP | 35 Mrd. GBP (~48 Mrd. GBP nominal) |
| Flamanville 3 | FR | 2007 - 2024 | 3,3 Mrd. EUR | 23,7 Mrd. EUR (Rechnungshof) |
| Olkiluoto 3 | FI | 2005 - 2023 | 3 Mrd. EUR | ~11 Mrd. EUR |
| Vogtle 3&4 | USA | 2013 - 2023/24 | 14 Mrd. USD | ~35 Mrd. USD |
Barakah in den Vereinigten Arabischen Emiraten wird oft als Gegenbeispiel genannt. Das Projekt entstand aber unter sehr anderen Bedingungen: standardisierte südkoreanische Reaktortechnik, andere Genehmigungslogik und andere Kostenstrukturen. Es ist deshalb keine belastbare Blaupause für Deutschland oder andere westliche Demokratien.
- Kein westliches Neubauprojekt blieb im Budget: Flamanville 3 kostete statt 3,3 Mrd. am Ende 23,7 Mrd. €; Hinkley Point C stieg von 18 auf 35 Mrd. GBP. Die Bauzeiten lagen bei 13–18 Jahren statt der geplanten 5–6.
- Wer heute einen Neubau beschließt, erhält in westlichen Demokratien mit hoher Wahrscheinlichkeit erst in den 2040er Jahren nennenswerten Strom aus dem Projekt.
- In Deutschland: Kein Fachpersonal, keine Lieferketten, keine Genehmigungsstrukturen
Frankreich 2022: Warnung vor dem „Versorgungssicher“-Mythos
- Reaktoren offline: 32 von 56 (auf dem Höhepunkt (Aug/Sept 2022))
- verfügbare Leistung: < 30 GW (von 61,4 GW installiert — historisches Tief)
- Frankreich 2022: Nettoimporteur (u. a. aus Deutschland)
- Auf dem Höhepunkt der Krise 2022 waren 32 von 56 französischen Reaktoren gleichzeitig abgeschaltet. Die verfügbare Leistung fiel unter 30 GW — ein historisches Tief seit 1999.
Ursachen: Spannungsrisskorrosion an Kühlrohrleitungen (Sicherheitsinspektionen) und Kühlwassermangel durch Hitzewellen. Frankreich — das zu 70 % auf Atomstrom setzt — wurde zum Nettostromimporteur, u. a. aus Deutschland.
- AKW-Flotten sind nicht immun gegen Alterung, Klimawandel und gleichzeitige Wartungszyklen. „Kernkraft = Versorgungssicherheit“ ist eine Vereinfachung.
Dunkelflauten: Reales Problem, kein Showstopper
- Dunkelflauten: beherrschbar (fordern Flexibilität statt Panik)
- Versorgungsengpass: kein annähernder (laut BNetzA Anfang 2025)
- Negativpreisstunden: 573 Std. (2025)
| Kennzahl | Wert | Quelle |
|---|
| Dunkelflautenlagen | reales Systemthema | BNetzA |
| Versorgungsengpässe Anfang 2025 | kein annähernder Engpass | BNetzA |
| Negativpreisstunden 2025 | 573 | BNetzA / SMARD |
| Schlüsselaufgabe | mehr Speicher, Netze und flexible Lasten | Systemische Einordnung |
- Selbst in der Dunkelflautenlage Anfang 2025 kam es laut Bundesnetzagentur nicht annähernd zu Versorgungsengpässen.
Überbrückung heute: Gaskraftwerke, europäische Stromimporte, wachsend: Batteriespeicher. Kern des Problems: Nicht die Häufigkeit der Dunkelflauten, sondern fehlende Speicher und Netzkapazitäten.
Strombedarf 2045: Verdopplung durch Elektrifizierung
- Heute (2025): ~520 TWh (17 % Stromanteil)
- TWh bis 2045: 1.037–1.423 (47–59 % Stromanteil)
Bruttostromverbrauch – Entwicklung
| Zeitpunkt | Bruttostromverbrauch | Stromanteil am Energiemix |
|---|
| Heute (2025) | ~520 TWh | 17% |
| 2030 (Ariadne) | 681 – 807 TWh | ~25–30% |
| 2045 (Ariadne) | 1.037 – 1.423 TWh | 47 – 59% |
Treiber des Mehrbedarfs: Direkte Elektrifizierung (Wärmepumpen + E-Autos ersetzen Gasheizungen und Verbrenner), grüner Wasserstoff (400–620 TWh Strom allein für Elektrolyseure in Stahl, Chemie, Luftfahrt) und ein Gegeneffekt: Gesamtenergiebedarf sinkt dank Effizienz um 32–38%.
- Selbst alle 17 historischen deutschen AKW hätten bei verdoppeltem Strombedarf nur ~10% gedeckt. Der EE-Ausbau bleibt in jedem Szenario unvermeidlich.
100%-Szenarien: Ist Vollversorgung machbar?
Mehrere unabhängige Szenarienstudien modellieren ein klimaneutrales, fast vollständig erneuerbares Energiesystem für Deutschland bis 2045 — mit zu jeder Stunde gesicherter Versorgung in allen Verbrauchssektoren. Das ist kein Selbstläufer, aber nach aktueller Studienlage technisch machbar und volkswirtschaftlich tragbar. Strittig ist weniger das Ob als Tempo, Kosten und der richtige Technologiemix.
- Photovoltaik 2045: ≈420 GW (Szenario technologieoffen (ISE))
- Windkraft 2045: ≈290 GW (On- und Offshore (ISE))
- TWh Strombedarf 2045: 1.150–1.650 (je nach Szenario (ISE))
Was die Transformation kostet – Szenarienvergleich
| Studie | Kennzahl | Wert |
|---|
| Fraunhofer ISE (technologieoffen) | Mehrkosten ggü. fossilem System | ≈54 Mrd. €/Jahr (~1,2 % des BIP) |
| Ariadne (2025) | Mehrkosten ggü. bestehender Politik | 16–26 Mrd. €/Jahr |
| Ariadne (2025) | Gesamtinvestitionen Energiewende | 116–131 Mrd. €/Jahr (~3,5 % des BIP) |
Der schwierige Teil ist nicht die Erzeugung in sonnen- und windreichen Stunden, sondern die letzten Prozent gesicherter Versorgung. Modellrechnungen für stark dekarbonisierte Strommärkte zeigen, dass die Kosten in den letzten Prozent Richtung 100 % überproportional steigen: Seltene, aber langanhaltende Dunkelflauten erzwingen entweder gesicherte Backup-Leistung oder eine starke Überbauung der Erzeugung samt Langzeitspeichern. In einem reinen Wind-Solar-Speicher-System kann allein das letzte Prozent der Nachfrage rund ein Drittel der Systemkosten ausmachen — schon ein kleiner Anteil steuerbarer Kraftwerke senkt die Kosten dagegen deutlich. Genau hier setzen die konkreten Bausteine an: Langzeitspeicher (Wasserstoffbedarf fürs Stromsystem bis zu rund 80 TWh in 2045, im Kern der Modellläufe eher 34–44 TWh), wasserstofffähige Backup-Kraftwerke (die Kraftwerksstrategie schreibt zunächst 12 GW aus) und ein großer Netzausbau (der Netzentwicklungsplan veranschlagt für das Übertragungsnetz bis 2045 mehrere hundert Milliarden Euro).
- Erneuerbare am Stromverbrauch: 55,1 % (2025 (UBA))
- am Endenergieverbrauch: 23,8 % (2025, inkl. Wärme & Verkehr (UBA))
- am Primärenergieverbrauch: ~20 % (2024 (AGEB))
- Vollversorgung ist damit weniger eine Frage des Ob als des Wie: Beim Strom (55 %) ist Deutschland auf Kurs, Wärme (19 %) und Verkehr (8 %) hinken hinterher. Der Aufwand verschiebt sich von der reinen Erzeugung hin zu Speichern, Netzen, Backup und der Elektrifizierung von Heizung und Verkehr.
Faktor 10? Wie viel Wind und Solar wirklich nötig sind
Wie viel mehr Wind und Solar braucht Deutschland, um seinen Energiebedarf erneuerbar zu decken? Die Antwort hängt entscheidend davon ab, was man misst: erzeugte Energie oder installierte Leistung, nur den Stromsektor oder die gesamte Energie, und ob man die Effizienzgewinne der Elektrifizierung mitrechnet. Je nach Annahme reicht die Spanne von knapp dem Vierfachen bis zum Dreizehnfachen. Die oft genannte Zahl ‚Faktor 10' beschreibt dabei einen ganz bestimmten Fall.
Wie viel mehr Wind und Solar? Vier Bezugsgrößen im Vergleich
| Bezugsgröße | Heute | Ziel | Faktor | Annahme |
|---|
| Primärenergie ersetzen | 219 TWh Wind+Solar | 2.911 TWh | ~13× | jede fossile kWh 1:1 durch Strom |
| Endenergie ersetzen | 219 TWh Wind+Solar | ~2.200 TWh | ~10× | Strom+Wärme+Verkehr 1:1, ohne Effizienzgewinn |
| Stromerzeugung 2045 | 219 TWh Wind+Solar | ~1.100–1.400 TWh | ~5–6× | mit Elektrifizierungs-Effizienz (ISE/Ariadne) |
| Installierte Leistung | ~195 GW Wind+Solar | ~710 GW | knapp 4× | ISE-Szenario 2045 (420 GW PV + 290 GW Wind) |
- Wind + Solar 2025: 219 TWh (132 TWh Wind + 87 TWh PV)
- installiert heute: ~195 GW (117 GW PV + ~78 GW Wind (Ende 2025))
- nötig 2045: ~710 GW (ISE-Szenario: 420 GW PV + 290 GW Wind)
Hinweis: Installierte Wind- und Solarleistung: heute vs. ISE-Szenario 2045
- Wind + Solar installiert (Ende 2025 → 2045): aktuell 195 GW, Ziel 710 GW
- ‚Faktor 10' stimmt für die einfachste Rechnung: den gesamten heutigen Endenergiebedarf (Strom, Wärme und Verkehr zusammen, rund 2.200 TWh) eins-zu-eins mit dem heutigen Wind- und Solarstrom (219 TWh) zu ersetzen. Diese Annahme unterstellt aber, dass jede fossile Kilowattstunde 1:1 durch eine Strom-Kilowattstunde ersetzt werden müsste.
Genau diese 1:1-Annahme trifft nicht zu, weil Strom viele Anwendungen deutlich effizienter antreibt als Verbrennung. Eine Wärmepumpe macht aus 1 kWh Strom je nach Anlage rund 3 bis 4 kWh Heizwärme; ein batterieelektrisches Auto erreicht über die gesamte Kette einen Wirkungsgrad von rund 75 % und damit ein Vielfaches eines Verbrenners — es nutzt also grob ein Drittel der Energie für dieselbe Strecke. Deshalb sinkt der gesamte Energiebedarf bei konsequenter Elektrifizierung laut Szenarienstudien um rund ein Drittel — und der nötige Wind- und Solarzubau schrumpft entsprechend.
- Rechnet man die Effizienzgewinne mit, bleibt als reale Bau-Aufgabe eine knappe Vervierfachung der installierten Leistung — von rund 195 GW Wind und Solar heute auf etwa 710 GW im klimaneutralen Szenario 2045. Die erzeugte Strommenge müsste dabei auf grob das Fünf- bis Sechsfache steigen, nicht auf das Zehnfache.
Anschaulich heißt das: Beim Rekordtempo der letzten Jahre (gut 20 GW Wind- und Solarzubau pro Jahr) ist eine Vervierfachung der Leistung eine Aufgabe von gut zwei Jahrzehnten — also genau das Zeitfenster bis 2045, wobei das jährliche Tempo dafür noch etwas zulegen muss. Den Flächenbedarf für die Windräder hat der Gesetzgeber im Windenergieflächenbedarfsgesetz auf 2 % der Bundesfläche bis 2032 festgelegt; ein großer Teil der zusätzlichen Solarleistung lässt sich zudem auf Dächern und entlang von Verkehrswegen unterbringen.
Speicherausbau: Der Markt drängt, die Bürokratie bremst
- beantragt: 400 GW (Leistung 2024)
- beantragt: 661 GWh (Kapazität 2024)
- Anschlusszusagen: 25 GW (Leistung 2024)
- Anschlusszusagen: 46 GWh (Kapazität 2024)
| Kennzahl | Wert | Quelle |
|---|
| Beantragte Leistung (2024, ab Mittelspannung) | ~400 GW | BNetzA 11/2025 |
| Beantragte Kapazität (2024) | 661 GWh | BNetzA 11/2025 |
| Erteilte Anschlusszusagen (2024) | 25 GW / 46 GWh | BNetzA 11/2025 |
| Kernaussage | Interesse sehr hoch, Umsetzung deutlich langsamer | BNetzA |
- 400 GW beantragte Speicherleistung – der Markt will, aber Netzanschlüsse und Genehmigungsverfahren bremsen.
Engpass: Nicht Investoreninteresse oder Technologie, sondern Netzanschlüsse, Genehmigungsverfahren und regulatorische Unsicherheit.
Small Modular Reactors: Viel Hype, wenig Realität
- kommerzielle SMR: 0 (im Westen in Betrieb)
- weitestes westliches Projekt: Darlington (BWRX-300, Kanada)
- NuScale CFPP: 2023 (eingestellt)
- Das Darlington-Projekt in Kanada ist derzeit das weiteste westliche SMR-Neubauvorhaben. Es ist aber noch kein Beleg für einen kommerziell etablierten SMR-Markt.
- Das US-Projekt NuScale CFPP wurde 2023 gestoppt. Das zeigt, wie unsicher Kosten, Abnahme und Zeitpläne bei SMR-Vorhaben bisher sind.
- SMR sind derzeit eher ein Technologieversprechen als eine kurzfristig belastbare Antwort auf die deutsche Stromversorgung.
Selbst wenn Deutschland heute ein SMR-Projekt startete, würde es den Ausbau von Netzen, Speichern und Erneuerbaren in diesem Jahrzehnt nicht ersetzen.
Atommüll: Das vergessene Milliardenproblem
- Einzahlung in KENFO: 24,1 Mrd. € (durch AKW-Betreiber)
- früheste Standortentscheidung: 2050 (laut BGE)
- möglich nach Rechtsrahmen: 2074 (bei langem Verfahren)
- Zwischenlagerung: Jahrzehnte (bleibt in jedem Fall nötig)
- Die Betreiber zahlten rund 24,1 Mrd. Euro in den KENFO-Fonds ein. Damit ist das Problem aber nicht erledigt: Suche, Genehmigung und Bau eines Endlagers bleiben langfristige Staatsaufgaben.
- Eine Standortentscheidung ist laut BGE frühestens um 2050 denkbar; nach aktuellem Rechtsrahmen kann sich das Verfahren auch deutlich länger hinziehen.
- Atommüll bleibt ein Langfristproblem über Generationen. Neue AKW würden diese Aufgabe nicht lösen, sondern vergrößern.
- Langfristige Risiken und Folgekosten bleiben trotz Fondsmodell in erheblichem Maß beim Staat.
EE-Ausbau: 21 GW in einem Jahr – Rekordtempo
Hinweis: Jährlicher EE-Zubau (GW)
- 2023: 17
- 2024: 19
- 2025: 21
- 2025: 16,4 GW Solar + 4,6 GW Wind onshore + 0,3 GW Wind offshore = 21,3 GW Zubau.
- EE-Gesamtkapazität Deutschland: ~210 GW (Stand Ende 2025).
- Wind-Genehmigungen 2025: 20,8 GW genehmigt – die Pipeline für Folgejahre wächst.
- Zum Vergleich: Ein großes AKW = ~1,4 GW. Deutschland baut pro Jahr das Äquivalent von ~15 AKW-Blöcken an EE-Kapazität zu.
Die Ziele für 2030 erfordern noch mehr: 19,6 GW/Jahr Solar und 9,4 GW/Jahr Wind onshore. Der Fokus muss auf EE-Beschleunigung liegen, nicht auf AKW-Debatten.
- Q1 2026 setzt sich der Trend fort: 1.065 MW Wind onshore wurden neu in Betrieb genommen (+3,5 % gegenüber Q1 2025), zusätzlich 467,6 MW Wind offshore. PV-Zubau Januar 2026: 1.149 MW, Februar 930 MW. Branchenexperten erwarten für das Gesamtjahr 2026 bis zu 20 GW PV-Zubau.
EU-Vergleich: Erneuerbare überholen Atom europaweit
- Erneuerbare: 46,9 % (an der EU-Nettoerzeugung 2024)
- Atom-Anteil: 23,3 % (an der EU-Nettoerzeugung 2024)
- EU-Staaten: 12/27 (betreiben AKW)
- FR allein: 58,6 % (des EU-Atomstroms)
- Erneuerbare haben die Atomkraft im EU-Strommix klar überholt.
- Bei den Erneuerbaren lagen 2024 laut Eurostat Dänemark, Portugal und Kroatien besonders weit vorn.
- Länder wie Dänemark und Österreich zeigen: Hohe Versorgungssicherheit auch ohne ein einziges AKW.
Atomkraft bleibt in der EU wichtig, ist aber ein Minderheitenpfad. Der europäische Trend bei Neubau und Strommix geht klar stärker in Richtung Erneuerbare.
Europäischer Stromverbund: Deutschland ist keine Insel
- Import 2025: 76,2 TWh (Stromverbund mit Nachbarländern)
- Export 2025: 54,3 TWh (Stromverbund mit Nachbarländern)
- EE-Rekord: 67,5 % (Q2 2025)
- Nettoimport 2025: 21,9 TWh – 22,6 % weniger als 2024. Tendenz: Importbedarf sinkt.
- Der europäische Verbund gleicht regionale Wetter-, Last- und Preisunterschiede durch Importe und Exporte aus.
- EU-Regel: Mindestens 70 % der physischen Übertragungskapazität muss für grenzüberschreitenden Handel verfügbar sein.
Stromimport/-export ist kein Zeichen von Schwäche, sondern intelligentes System-Design. Es ist billiger als jedes Land für sich allein.
Strompreis: hoch — aber warum eigentlich?
- Industriestrompreis 2025: ~18 ct/kWh (mittleres Verbrauchsband (Eurostat))
- über EU-Durchschnitt: +17 % (Industrie 2025)
- Beschaffung & Vertrieb: ~41 % (am Haushaltspreis (BDEW))
Der deutsche Strompreis ist im internationalen Vergleich hoch: Industriekunden im mittleren Verbrauchsband zahlten 2025 laut Eurostat rund 18 ct/kWh — etwa 17 % mehr als der EU-Durchschnitt. Der Preis besteht aber aus mehreren Bausteinen: Beim Haushaltsstrompreis (rund 37 ct/kWh) entfallen laut BDEW etwa 41 % auf Beschaffung und Vertrieb, der Rest auf Netzentgelte (25 %) sowie Steuern, Abgaben und Umlagen (34 %).
- Netzentgelte, Steuern, Abgaben und Umlagen machen zusammen den größeren Teil des Strompreises aus — nicht die Erzeugungskosten der Erneuerbaren.
Industrie unter Druck: ein Faktor, viele Ursachen
- Produktionsindex vs. 2018: -13 % (verarbeitendes Gewerbe)
- Industriejobs weg: 341.500 (seit 2019 (EY))
- weniger Industriebeschäftigte: ~6 % (2019-2025)
- Der Produktionsindex des verarbeitenden Gewerbes liegt rund 13 % unter dem Niveau von 2018; seit 2019 sind laut EY rund 341.500 Industriejobs weggefallen (gut 6 %), allein 2025 etwa 124.100.
- Die preisbereinigte Bruttowertschöpfung der Industrie fiel 2018-2024 nur um rund 3 %. Der Produktionsindex überzeichnet den Rückgang, weil Firmen einfache Fertigung verlagern und sich im Inland auf Entwicklung, Dienstleistungen und höherwertige Tätigkeiten konzentrieren.
- Besonders betroffen ist die Autoindustrie — dort ging seit 2019 etwa jeder siebte Job verloren. Chemie/Pharma (+3 %) und Elektroindustrie (+2 %) legten im selben Zeitraum dagegen zu.
Die Ursachen sind vielfältig: schwache Weltnachfrage (vor allem aus China), der Gaspreisschock 2022 nach dem russischen Lieferstopp, hohe Zinsen, der Umbruch in der Autoindustrie, Fachkräftemangel und Bürokratie. Hohe Energiekosten sind ein Faktor unter mehreren — eine allein auf die Energiewende verengte Erklärung greift zu kurz.
Backup-Kraftwerke und Netze: Versicherung, nicht Dauerlast
- neue regelbare Leistung: 12 GW (ausgeschrieben ab 2026)
- wasserstofffähig: H₂-ready (Dekarbonisierung bis 2045)
- Funktion: Backup (Dunkelflaute & Netzstabilität)
- Die Kraftwerksstrategie schreibt rund 12 GW neue, wasserstofffähige Gaskraftwerke aus. Sie sollen als Reserve einspringen, wenn Wind und Sonne nicht liefern — nicht im Dauerbetrieb laufen.
Reservekraftwerke laufen nur wenige Volllaststunden im Jahr. Ihr Beitrag zur durchschnittlichen Stromrechnung bleibt deshalb begrenzt, auch wenn Gasstrom je Kilowattstunde teuer ist. Der Netzausbau verursacht zwar Kosten, kann aber zugleich teure Eingriffe zur Netzstabilisierung (Redispatch) verringern.
Wachstum, Energie und Emissionen entkoppeln
- BIP 2008-2024: +15 % (real gestiegen)
- Endenergieverbrauch: -13 % (2008-2024)
- EnEfG-Deckel 2030: 1.867 TWh (-26,5 % ggü. 2008)
- Zwischen 2008 und 2024 stieg das Bruttoinlandsprodukt um 15 %, während der Endenergieverbrauch um 13 % sank — Wirtschaftsleistung und Energieverbrauch haben sich also bereits entkoppelt.
- Das Energieeffizienzgesetz (EnEfG) deckelt den Endenergieverbrauch 2030 auf 1.867 TWh (-26,5 % gegenüber 2008). Die DIHK warnt: Bei der zuletzt erreichten Effizienzsteigerung von 1,7 % pro Jahr müsste das BIP um knapp 9 % schrumpfen, um das Ziel zu treffen — nötig wären rund 3,3 % pro Jahr.
Das Gesetz begrenzt den Energieverbrauch, nicht die Wirtschaftsleistung. Ob daraus ein Schrumpfungszwang wird, hängt vom Tempo der Energieproduktivität ab. Die bisherige Entkopplung zeigt: Wachstum bei sinkendem Energieverbrauch ist möglich — das Tempo muss aber deutlich zunehmen.