Die über 50 Prozent stimmen — aber nur beim Strom: 2025 deckten Erneuerbare 55,1 Prozent des Bruttostromverbrauchs. Strom ist allerdings nur etwa ein Fünftel des gesamten Energieverbrauchs. Rechnet man Wärme und Verkehr mit, lag der Erneuerbaren-Anteil am Endenergieverbrauch 2025 bei 23,8 Prozent, am Primärenergieverbrauch bei rund einem Fünftel. Der Wärmesektor kam auf 19, der Verkehr auf 8 Prozent. Der ‚Rest' ist also nicht der kleinere, sondern der größere Teil — und er erfordert zusätzlich, dass Heizungen und Fahrzeuge auf Strom umgestellt werden.
Was hinter der Parole steckt: Die Parole überträgt eine Zahl aus dem Stromsektor stillschweigend auf die gesamte Energieversorgung — sie verwechselt ‚Strom' mit ‚Energie'. Weil Strom nur rund ein Fünftel des Energieverbrauchs ausmacht, erscheint der bereits erreichte Fortschritt dadurch deutlich größer, als er über alle Sektoren hinweg ist.
Am Tisch nützlich – Gegenfragen:
- „Meinst du den Anteil am Strom oder am gesamten Energieverbrauch inklusive Heizung und Verkehr?"
- „Wie wird deine Wohnung geheizt und dein Auto angetrieben — und zählt diese Energie schon zu den ‚über 50 Prozent'?"
- „Wenn der Rest ein Klacks wäre — warum liegt der Verkehr erst bei 8 Prozent erneuerbar?"
Stichworte: über die hälfte, 55 prozent, erneuerbar, strommix, endenergie, primärenergie, wärme, verkehr, anteil
Fakten dazu
100%-Szenarien: Ist Vollversorgung machbar?
Mehrere unabhängige Szenarienstudien modellieren ein klimaneutrales, fast vollständig erneuerbares Energiesystem für Deutschland bis 2045 — mit zu jeder Stunde gesicherter Versorgung in allen Verbrauchssektoren. Das ist kein Selbstläufer, aber nach aktueller Studienlage technisch machbar und volkswirtschaftlich tragbar. Strittig ist weniger das Ob als Tempo, Kosten und der richtige Technologiemix.
- Photovoltaik 2045: ≈420 GW (Szenario technologieoffen (ISE))
- Windkraft 2045: ≈290 GW (On- und Offshore (ISE))
- TWh Strombedarf 2045: 1.150–1.650 (je nach Szenario (ISE))
Was die Transformation kostet – Szenarienvergleich
| Studie | Kennzahl | Wert |
|---|
| Fraunhofer ISE (technologieoffen) | Mehrkosten ggü. fossilem System | ≈54 Mrd. €/Jahr (~1,2 % des BIP) |
| Ariadne (2025) | Mehrkosten ggü. bestehender Politik | 16–26 Mrd. €/Jahr |
| Ariadne (2025) | Gesamtinvestitionen Energiewende | 116–131 Mrd. €/Jahr (~3,5 % des BIP) |
Der schwierige Teil ist nicht die Erzeugung in sonnen- und windreichen Stunden, sondern die letzten Prozent gesicherter Versorgung. Modellrechnungen für stark dekarbonisierte Strommärkte zeigen, dass die Kosten in den letzten Prozent Richtung 100 % überproportional steigen: Seltene, aber langanhaltende Dunkelflauten erzwingen entweder gesicherte Backup-Leistung oder eine starke Überbauung der Erzeugung samt Langzeitspeichern. In einem reinen Wind-Solar-Speicher-System kann allein das letzte Prozent der Nachfrage rund ein Drittel der Systemkosten ausmachen — schon ein kleiner Anteil steuerbarer Kraftwerke senkt die Kosten dagegen deutlich. Genau hier setzen die konkreten Bausteine an: Langzeitspeicher (Wasserstoffbedarf fürs Stromsystem bis zu rund 80 TWh in 2045, im Kern der Modellläufe eher 34–44 TWh), wasserstofffähige Backup-Kraftwerke (die Kraftwerksstrategie schreibt zunächst 12 GW aus) und ein großer Netzausbau (der Netzentwicklungsplan veranschlagt für das Übertragungsnetz bis 2045 mehrere hundert Milliarden Euro).
- Erneuerbare am Stromverbrauch: 55,1 % (2025 (UBA))
- am Endenergieverbrauch: 23,8 % (2025, inkl. Wärme & Verkehr (UBA))
- am Primärenergieverbrauch: ~20 % (2024 (AGEB))
- Vollversorgung ist damit weniger eine Frage des Ob als des Wie: Beim Strom (55 %) ist Deutschland auf Kurs, Wärme (19 %) und Verkehr (8 %) hinken hinterher. Der Aufwand verschiebt sich von der reinen Erzeugung hin zu Speichern, Netzen, Backup und der Elektrifizierung von Heizung und Verkehr.
Strommix 2025: Wo stehen wir heute?
- Erneuerbare: 55,3 % (am Stromverbrauch 2025)
- Kohle: Tiefstand (historisch niedrig)
- CO₂/kWh vs. 1990: -53 % (Stromsektor (UBA))
Hinweis: Entwicklung des Erneuerbaren-Anteils am Strommix
- 2010: 17 %
- 2015: 31.5 %
- 2020: 45.3 %
- 2023: 51.8 %
- 2024: 56 %
- 2025: 55.3 %
| Kennzahl | Wert |
|---|
| Erneuerbaren-Anteil am Stromverbrauch | 55,3 % |
| Kohleverstromung | historischer Tiefstand |
| CO₂-Emissionen Strom ggü. 1990 | ca. -53 % (spez. Faktor) |
| Spezifischer CO₂-Emissionsfaktor 2024 | 363 g CO₂/kWh |
- 2025 stammten 55,1 % des Bruttostromverbrauchs aus Erneuerbaren (BDEW/ZSW vorläufig); auf Basis der inländisch eingespeisten Stromerzeugung waren es 58,6 % (Destatis). Wind blieb mit 30,0 % wichtigste Quelle, Photovoltaik erreichte einen neuen Höchstwert von 16,0 %; Kohle fiel auf 22,1 %.
Strombedarf 2045: Verdopplung durch Elektrifizierung
- Heute (2025): ~520 TWh (17 % Stromanteil)
- TWh bis 2045: 1.037–1.423 (47–59 % Stromanteil)
Bruttostromverbrauch – Entwicklung
| Zeitpunkt | Bruttostromverbrauch | Stromanteil am Energiemix |
|---|
| Heute (2025) | ~520 TWh | 17% |
| 2030 (Ariadne) | 681 – 807 TWh | ~25–30% |
| 2045 (Ariadne) | 1.037 – 1.423 TWh | 47 – 59% |
Treiber des Mehrbedarfs: Direkte Elektrifizierung (Wärmepumpen + E-Autos ersetzen Gasheizungen und Verbrenner), grüner Wasserstoff (400–620 TWh Strom allein für Elektrolyseure in Stahl, Chemie, Luftfahrt) und ein Gegeneffekt: Gesamtenergiebedarf sinkt dank Effizienz um 32–38%.
- Selbst alle 17 historischen deutschen AKW hätten bei verdoppeltem Strombedarf nur ~10% gedeckt. Der EE-Ausbau bleibt in jedem Szenario unvermeidlich.