Tatsächlich modellieren mehrere unabhängige Szenarienstudien — Fraunhofer ISE, das Ariadne-Projekt und Agora/Stiftung Klimaneutralität — ein klimaneutrales, nahezu vollständig erneuerbares Energiesystem für Deutschland bis 2045, mit zu jeder Stunde gesicherter Versorgung. Der Aufwand ist real: nötig sind massiver Wind- und Solarausbau (ISE rechnet mit grob 420 GW Photovoltaik und 290 GW Wind), Langzeitspeicher, wasserstofffähige Backup-Kraftwerke und ein großer Netzausbau. Die jährlichen Mehrkosten gegenüber einem Weiter-so beziffern die Studien aber als überschaubar — auf etwa 1 Prozent der Wirtschaftsleistung (Fraunhofer ISE) bzw. 16 bis 26 Milliarden Euro pro Jahr (Ariadne). ‚Unmöglich' ist es also nicht; es ist eine Planungs- und Investitionsaufgabe mit bekannten Stellschrauben.
Was hinter der Parole steckt: Die Parole macht aus den realen Schwierigkeiten der letzten Prozent einen Beweis für die Unmöglichkeit des Ganzen — eine Alles-oder-nichts-Logik. Sie übergeht, dass die Machbarkeit nicht bloß behauptet, sondern in stündlich aufgelösten Modellen mit konkreten Kosten durchgerechnet ist, und verwechselt ‚schwierig und teuer' mit ‚geht nicht'.
Am Tisch nützlich – Gegenfragen:
- „Welche konkrete technische Hürde meinst du — die Erzeugung, die Speicher, das Netz oder das Backup?"
- „Wenn mehrere unabhängige Institute dieselbe Machbarkeit durchrechnen: Welche Annahme darin hältst du für falsch?"
- „Würde es dir reichen, wenn nicht 100, sondern 90 Prozent erneuerbar wären und der Rest aus wasserstofffähigen Reservekraftwerken kommt?"
Stichworte: 100 prozent, erneuerbar, utopie, träumerei, unmöglich, industrienation, versorgungssicherheit, vollversorgung, wind und sonne
Fakten dazu
100%-Szenarien: Ist Vollversorgung machbar?
Mehrere unabhängige Szenarienstudien modellieren ein klimaneutrales, fast vollständig erneuerbares Energiesystem für Deutschland bis 2045 — mit zu jeder Stunde gesicherter Versorgung in allen Verbrauchssektoren. Das ist kein Selbstläufer, aber nach aktueller Studienlage technisch machbar und volkswirtschaftlich tragbar. Strittig ist weniger das Ob als Tempo, Kosten und der richtige Technologiemix.
- Photovoltaik 2045: ≈420 GW (Szenario technologieoffen (ISE))
- Windkraft 2045: ≈290 GW (On- und Offshore (ISE))
- TWh Strombedarf 2045: 1.150–1.650 (je nach Szenario (ISE))
Was die Transformation kostet – Szenarienvergleich
| Studie | Kennzahl | Wert |
|---|
| Fraunhofer ISE (technologieoffen) | Mehrkosten ggü. fossilem System | ≈54 Mrd. €/Jahr (~1,2 % des BIP) |
| Ariadne (2025) | Mehrkosten ggü. bestehender Politik | 16–26 Mrd. €/Jahr |
| Ariadne (2025) | Gesamtinvestitionen Energiewende | 116–131 Mrd. €/Jahr (~3,5 % des BIP) |
Der schwierige Teil ist nicht die Erzeugung in sonnen- und windreichen Stunden, sondern die letzten Prozent gesicherter Versorgung. Modellrechnungen für stark dekarbonisierte Strommärkte zeigen, dass die Kosten in den letzten Prozent Richtung 100 % überproportional steigen: Seltene, aber langanhaltende Dunkelflauten erzwingen entweder gesicherte Backup-Leistung oder eine starke Überbauung der Erzeugung samt Langzeitspeichern. In einem reinen Wind-Solar-Speicher-System kann allein das letzte Prozent der Nachfrage rund ein Drittel der Systemkosten ausmachen — schon ein kleiner Anteil steuerbarer Kraftwerke senkt die Kosten dagegen deutlich. Genau hier setzen die konkreten Bausteine an: Langzeitspeicher (Wasserstoffbedarf fürs Stromsystem bis zu rund 80 TWh in 2045, im Kern der Modellläufe eher 34–44 TWh), wasserstofffähige Backup-Kraftwerke (die Kraftwerksstrategie schreibt zunächst 12 GW aus) und ein großer Netzausbau (der Netzentwicklungsplan veranschlagt für das Übertragungsnetz bis 2045 mehrere hundert Milliarden Euro).
- Erneuerbare am Stromverbrauch: 55,1 % (2025 (UBA))
- am Endenergieverbrauch: 23,8 % (2025, inkl. Wärme & Verkehr (UBA))
- am Primärenergieverbrauch: ~20 % (2024 (AGEB))
- Vollversorgung ist damit weniger eine Frage des Ob als des Wie: Beim Strom (55 %) ist Deutschland auf Kurs, Wärme (19 %) und Verkehr (8 %) hinken hinterher. Der Aufwand verschiebt sich von der reinen Erzeugung hin zu Speichern, Netzen, Backup und der Elektrifizierung von Heizung und Verkehr.
Strombedarf 2045: Verdopplung durch Elektrifizierung
- Heute (2025): ~520 TWh (17 % Stromanteil)
- TWh bis 2045: 1.037–1.423 (47–59 % Stromanteil)
Bruttostromverbrauch – Entwicklung
| Zeitpunkt | Bruttostromverbrauch | Stromanteil am Energiemix |
|---|
| Heute (2025) | ~520 TWh | 17% |
| 2030 (Ariadne) | 681 – 807 TWh | ~25–30% |
| 2045 (Ariadne) | 1.037 – 1.423 TWh | 47 – 59% |
Treiber des Mehrbedarfs: Direkte Elektrifizierung (Wärmepumpen + E-Autos ersetzen Gasheizungen und Verbrenner), grüner Wasserstoff (400–620 TWh Strom allein für Elektrolyseure in Stahl, Chemie, Luftfahrt) und ein Gegeneffekt: Gesamtenergiebedarf sinkt dank Effizienz um 32–38%.
- Selbst alle 17 historischen deutschen AKW hätten bei verdoppeltem Strombedarf nur ~10% gedeckt. Der EE-Ausbau bleibt in jedem Szenario unvermeidlich.
Dunkelflauten: Reales Problem, kein Showstopper
- Dunkelflauten: beherrschbar (fordern Flexibilität statt Panik)
- Versorgungsengpass: kein annähernder (laut BNetzA Anfang 2025)
- Negativpreisstunden: 573 Std. (2025)
| Kennzahl | Wert | Quelle |
|---|
| Dunkelflautenlagen | reales Systemthema | BNetzA |
| Versorgungsengpässe Anfang 2025 | kein annähernder Engpass | BNetzA |
| Negativpreisstunden 2025 | 573 | BNetzA / SMARD |
| Schlüsselaufgabe | mehr Speicher, Netze und flexible Lasten | Systemische Einordnung |
- Selbst in der Dunkelflautenlage Anfang 2025 kam es laut Bundesnetzagentur nicht annähernd zu Versorgungsengpässen.
Überbrückung heute: Gaskraftwerke, europäische Stromimporte, wachsend: Batteriespeicher. Kern des Problems: Nicht die Häufigkeit der Dunkelflauten, sondern fehlende Speicher und Netzkapazitäten.
Speicherausbau: Der Markt drängt, die Bürokratie bremst
- beantragt: 400 GW (Leistung 2024)
- beantragt: 661 GWh (Kapazität 2024)
- Anschlusszusagen: 25 GW (Leistung 2024)
- Anschlusszusagen: 46 GWh (Kapazität 2024)
| Kennzahl | Wert | Quelle |
|---|
| Beantragte Leistung (2024, ab Mittelspannung) | ~400 GW | BNetzA 11/2025 |
| Beantragte Kapazität (2024) | 661 GWh | BNetzA 11/2025 |
| Erteilte Anschlusszusagen (2024) | 25 GW / 46 GWh | BNetzA 11/2025 |
| Kernaussage | Interesse sehr hoch, Umsetzung deutlich langsamer | BNetzA |
- 400 GW beantragte Speicherleistung – der Markt will, aber Netzanschlüsse und Genehmigungsverfahren bremsen.
Engpass: Nicht Investoreninteresse oder Technologie, sondern Netzanschlüsse, Genehmigungsverfahren und regulatorische Unsicherheit.
Backup-Kraftwerke und Netze: Versicherung, nicht Dauerlast
- neue regelbare Leistung: 12 GW (ausgeschrieben ab 2026)
- wasserstofffähig: H₂-ready (Dekarbonisierung bis 2045)
- Funktion: Backup (Dunkelflaute & Netzstabilität)
- Die Kraftwerksstrategie schreibt rund 12 GW neue, wasserstofffähige Gaskraftwerke aus. Sie sollen als Reserve einspringen, wenn Wind und Sonne nicht liefern — nicht im Dauerbetrieb laufen.
Reservekraftwerke laufen nur wenige Volllaststunden im Jahr. Ihr Beitrag zur durchschnittlichen Stromrechnung bleibt deshalb begrenzt, auch wenn Gasstrom je Kilowattstunde teuer ist. Der Netzausbau verursacht zwar Kosten, kann aber zugleich teure Eingriffe zur Netzstabilisierung (Redispatch) verringern.