Wien zeigt tatsächlich, dass dauerhaft bezahlbares Wohnen im großen Maßstab möglich ist: Rund die Hälfte der Wiener wohnt in Gemeinde- oder geförderten Wohnungen. Nur ist das kein kopierbares Programm, sondern das Ergebnis von 100 Jahren kontinuierlicher Boden- und Wohnbaupolitik seit dem ‚Roten Wien' der 1920er. Deutschland hat seinen vergleichbaren Bestand — die Sozialwohnungen — seit 1990 von 3 Mio. auf 1 Mio. schrumpfen lassen; das lässt sich nicht in einer Legislaturperiode umkehren. Übertragbar sind einzelne Instrumente: aktive Bodenvorratspolitik und verpflichtende Widmung neuer Flächen für geförderten Wohnbau. Und auch Wien ist kein Mietparadies für Neuankömmlinge — laut einer Analyse im Auftrag der deutschen Immobilienwirtschaft (empirica 2020) liegen private Neuvertragsmieten dort ähnlich hoch wie in deutschen Metropolen.
Was hinter der Parole steckt: Vorbild-Verkürzung: Das sichtbare Ergebnis (günstige Gemeindebauten) wird vom jahrzehntelangen Entstehungspfad getrennt und als schnell kopierbare Lösung präsentiert. Wer den Pfad ignoriert, unterschätzt systematisch, was der Aufbau kostet und wie lange er dauert.
Am Tisch nützlich – Gegenfragen:
- „Welche Wiener Instrumente wären hier kurzfristig umsetzbar — und welche brauchen Jahrzehnte?"
- „Wie viel kommunalen Wohnungsbestand müsste eine deutsche Großstadt dafür erst einmal aufbauen?"
Stichworte: wien, gemeindebau, vorbild, kommunaler wohnungsbau, österreich
Fakten dazu
Deutschland im internationalen Vergleich
Deutschland ist Mieterland Nummer eins in der EU: 53 % der Bevölkerung wohnen zur Miete — der höchste Wert aller EU-Staaten (EU-Schnitt: 32 %). Entsprechend stark schlagen Mietsteigerungen hier auf die Breite der Bevölkerung durch: Die Wohnkostenüberlastung liegt deutlich über dem EU-Schnitt.
Wohnkostenüberlastung im EU-Vergleich, 2024 (Anteil der Bevölkerung mit Wohnkosten über 40 % des verfügbaren Einkommens)
| Land | Überlastungsquote |
|---|
| Griechenland | 28,9 % |
| Dänemark | 14,6 % |
| Deutschland | 12,0 % |
| EU-27 | 8,2 % |
| Spanien | 7,8 % |
| Frankreich | 7,0 % |
| Niederlande | 6,9 % |
| Österreich | 6,3 % |
Häufig als Vorbild genannt: Wien. Die Stadt besitzt rund 220.000 Gemeindewohnungen, dazu kommen über 200.000 geförderte (v. a. Genossenschafts-)Wohnungen — rund die Hälfte der Wiener wohnt gefördert. Dieses System wurde seit den frühen 1920er Jahren über ein Jahrhundert aufgebaut. Eine Analyse im Auftrag der deutschen Immobilienwirtschaft (empirica 2020) kommt zum Schluss, dass das Wiener Mietsystem nicht 1:1 übertragbar ist und private Neuvertragsmieten dort ähnlich hoch liegen wie in deutschen Metropolen — als übertragenswert gilt dagegen die Bodenpolitik: Wien kauft langfristig günstiges Bauland auf Vorrat und widmet seit 2019 größere Neubauflächen verpflichtend überwiegend für geförderten Wohnbau.
- Wiens geförderter Wohnungsbestand — rund 220.000 Gemeindewohnungen plus über 200.000 geförderte Wohnungen — ist das Ergebnis von 100 Jahren kontinuierlicher Bodenvorrats- und Wohnbaupolitik seit den frühen 1920er Jahren.
Sozialwohnungen: Der schrumpfende Bestand
Sozialwohnungen haben eine zeitlich befristete Miet- und Belegungsbindung — läuft sie aus, wird die Wohnung zur normalen Mietwohnung. Weil jahrzehntelang mehr Bindungen ausliefen als neue gefördert wurden, ist der Bestand drastisch geschrumpft.
Hinweis: Bestand an Sozialmietwohnungen in Deutschland
- 1990: ~3,0 Mio. (Anfang der 1990er Jahre)
- 2006: über 2 Mio. (seither etwa halbiert)
- 2023: 1,07 Mio. (historischer Tiefstand)
- 2024: ~1,05 Mio. (erneut −20.600)
- Geförderte Wohneinheiten 2024: 61.887 (+25 % ggü. 2023, davon 26.796 neue Sozialmietwohnungen)
- Fallen jährlich aus der Bindung: >41.000 (über 500.000 bis 2035)
- Bundesmittel bis 2029: 23,5 Mrd. € (Aufwuchs auf 5,5 Mrd. €/Jahr)
- Trotz Rekordförderung sinkt der Sozialwohnungsbestand weiter: 2024 wurden nur 26.796 neue Sozialmietwohnungen gebaut, während über 41.000 aus der Bindung fielen.