Dass sich die Bevölkerungszusammensetzung in einzelnen Städten oder Vierteln sichtbar verändert hat, ist real — durch Zuzug, Wegzug und Geburten in Zuwandererfamilien. ‚Austausch‘ unterstellt darüber hinaus aber einen Plan und eine Ersetzung — und genau dafür gibt es keine empirische Basis. Die Erwerbsbevölkerung in Deutschland schrumpft laut Destatis bis Mitte der 2030er um rund 3,2 Millionen, selbst bei hoher Nettozuwanderung. Es wird niemand ersetzt; es fehlen Menschen. Die Erzählung vom ‚großen Austausch‘ stammt vom französischen Publizisten Renaud Camus (Vortrag 2010, Buch 2011) und wurde von der Identitären Bewegung (seit Juli 2019 vom Bundesamt für Verfassungsschutz als gesichert rechtsextrem eingestuft) in den Diskurs getragen. Die Bundeszentrale für politische Bildung ordnet sie als Verschwörungserzählung ohne empirische Basis ein, die häufig mit antisemitischen Stereotypen einer ‚geheimen Elite‘ verbunden wird.
Was hinter der Parole steckt: Die Parole verbindet zwei Denkmuster. Erstens ein völkisches Bild von Bevölkerung als geschlossener, ‚auszutauschender‘ Einheit — eine Sicht, die individuelle Staatsbürgerschaft als zentrales Kriterium ausblendet. Zweitens ein klassisches Verschwörungsmuster: Migration ist nicht zufälliges Ergebnis globaler Bewegungen, sondern angeblicher Plan einer ‚Elite‘. Genau diese Struktur (handelnde Geheimakteure, klares Ziel der Mehrheits-Ablösung) macht aus einer politischen Behauptung eine Verschwörungserzählung.
Am Tisch nützlich – Gegenfragen:
- „Wer genau soll diesen Austausch nach deiner Vorstellung planen oder steuern — und mit welchem belegbaren Hinweis?"
- „Wenn die Erwerbsbevölkerung laut Destatis bis Mitte der 2030er um 3,2 Millionen schrumpft — wo soll der Austausch zahlenmäßig herkommen?"
- „Würdest du den deutschen Pass eines hier geborenen Kindes mit Migrationsgeschichte als ‚Austausch‘ einordnen — oder als Teil der deutschen Bevölkerung?"
Stichworte: Bevölkerungsaustausch, Großer Austausch, Umvolkung, Ersatz, Identitäre, Verschwörung
Fakten dazu
Sprache & Konzepte: Wie über Migration geredet wird
Begriffe verschieben, was politisch sagbar ist. ‚Remigration‘ stammt ursprünglich aus der Migrations- und Exilforschung und meinte dort überwiegend freiwillige Rückkehr — etwa von Jüdinnen und Juden aus dem Exil nach 1945. Die Sprachkritische Aktion ‚Unwort des Jahres‘ wählte den Begriff 2023 zum Unwort, weil er in der politischen Verwendung der Identitären Bewegung, rechter Parteien und weiter rechter Kreise zum euphemistischen Tarnbegriff für Forderungen nach erzwungener Ausweisung bis hin zu Massendeportationen geworden ist.
- Am 25. November 2023 trafen sich in einer Potsdamer Villa Vertreter rechtsextremer Netzwerke, AfD-Funktionäre und Geldgeber. Martin Sellner (Identitäre Bewegung) skizzierte einen ‚Remigrations‘-Plan, der drei Gruppen umfasste: Asylsuchende, Ausländer mit Bleiberecht und ‚nicht assimilierte Staatsbürger‘ — also auch deutsche Staatsangehörige mit Migrationsgeschichte. Die Recherche wurde von CORRECTIV im Januar 2024 veröffentlicht; einzelne Formulierungen wurden später gerichtlich untersagt, der zentrale Befund zur Einbeziehung von Staatsbürgern aber bestätigt (LG Hamburg, Dezember 2025).
Eng damit verknüpft ist die Erzählung vom ‚großen Austausch‘. Der französische Publizist Renaud Camus prägte den Begriff in einem Vortrag in Lunel am 26. November 2010 und in seinem 2011 erschienenen Buch ‚Le grand remplacement‘ — die These eines ‚von Eliten gesteuerten Bevölkerungsaustausches‘. Die Bundeszentrale für politische Bildung ordnet ihn klar als Verschwörungserzählung ohne empirische Basis ein, die in der extremen Rechten häufig mit antisemitischen Stereotypen verbunden wird (‚geheime Eliten‘). Die Identitäre Bewegung Deutschlands trägt diese Erzählung seit 2013 in den öffentlichen Diskurs und ist vom Bundesamt für Verfassungsschutz seit Juli 2019 als gesichert rechtsextremistische Bestrebung eingestuft.
- Empirisch gegen den ‚Austausch‘-Mythos: Die Gesamtbevölkerung in Deutschland wächst nicht durch ‚Ersetzung‘, sondern schrumpft bei den Erwerbsfähigen — bis Mitte der 2030er Jahre laut Destatis um rund 3,2 Millionen, selbst bei hoher Nettozuwanderung. Es wird niemand ‚ersetzt‘; es fehlen Menschen.
Demografischer Wandel und Fachkräfte
Der demografische Wandel verringert in Deutschland das Erwerbspersonenpotenzial. Destatis erwartet, dass die Zahl der 20- bis 66-Jährigen bis Mitte der 2030er Jahre selbst bei hoher Nettozuwanderung um rund 3,2 Millionen sinkt. Dadurch gewinnt die Frage an Bedeutung, wie Zuwanderung und Arbeitsmarktintegration zum Arbeitskräfteangebot beitragen.
- Erwerbspersonen: −3,2 Mio. (20- bis 66-Jährige sinken bis Mitte 2030er)
- Beschäftigungsquote: 64 % (der 2015 zugezogenen Geflüchteten (Ende 2024))
- Fachkraft oder höher: 50 % (der beschäftigten Geflüchteten nach 7–8 Jahren)
- Selbst bei hoher Nettozuwanderung sinkt laut Destatis die Zahl der 20- bis 66-Jährigen bis Mitte der 2030er um rund 3,2 Millionen. Integration in den Arbeitsmarkt ist daher keine Kür, sondern volkswirtschaftliche Notwendigkeit.